Wozu braucht man gewerkschaftliche Macht, wozu Politik und wozu Kampf, wenn sich der Anspruch auf eine bestimmte Lohnsteigerung bei einigem guten Willen auf beiden Seiten durch eine sachliche Überprüfung der Produktivität und andere volkswirtschaftliche Überlegungen ermitteln läßt? Natürlich gibt es in fast jedem Lohnkonflikt einen Bereich von Tatsachen und Argumenten, über die sich beide Partner rein sachlich einigen können, in der "Wahrheit" der Ziffern sozusagen. Fast immer aber steht in der Gesamtrechnung auch Meinung gegen Meinung, Wertung gegen Wertung, Absicht gegen Absicht, und dann muß die Sache politisch ausgetragen, zuweilen Macht gegen Macht erkämpft werden. Wir vergessen das heute leicht, weil im Augenblick Lohnerhöhungen verhältnismäßig bequem zu haben sind und jene Kämpfe manchmal sportlichen Scheingefechten gleichen. Man braucht darin schließlich nur um das letzte strittige Prozent zu streiten und auch darum nicht auf Tod und Leben, weil der Gegner, nach, einer Anstandsfrist einen Großteil der Forderung, bereitwillig akzeptiert, während die Gewerkschaft gleichfalls bereit war, ein paar Prozent nachzulassen. Das ist jetzt so, und es ist nicht ganz leicht, den Kollegen oder gar den Nichtmitgliedern klarzumachen, daß auch dieses sonderbare Gesellschaftsspiel notwendig ist und daß sich in ihm der Ernst der Sache und die Macht der Gewerkschaft äußern.

Diese Art, ohne viel Aufsehen, wenn auch mit einigem Theaterdonner Lohnerhöhungen zu erreichen, ergibt sich, entgegen einer weitverbreiteten modischen Meinung, nicht aus einem ganz neuen Zustand der Wirtschaft und einem ganz neuen Verhältnis zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern oder zwischen Arbeit und Kapital, sondern aus der Hochkonjunktur und der Vollbeschäftigung, also dem Mangel an Arbeitskraft. Daß sich das ändern kann, ergibt sich gerade aus dem System der Marktwirtschaft selbst. Das sollten die Kollegen, die es nicht mehr aus eigener Erfahrung wissen, sich schließlich von Herrn Erhard selber sagen lassen: er kann in seinem System die ewige Dauer jener günstigen Arbeitsmarktverhältnisse nicht garantieren.

Macht durch Vertrauen

Worauf beruht die Macht der Gewerkschaft? Diese Frage wird für unser geschichtliches Schicksal dringend, wenn wir uns Sorgen um die Haltbarkeit der deutschen Demokratie machen. Die Macht der Gewerkschaft beruht auf dem Vertrauen, auf der Einsicht und auf der Kampfbereitschaft der Kollegen und der Arbeitnehmer überhaupt, im Grunde auf nichts anderem. Auf das angesammelte Geldvermögen der Gewerkschaften würde ich mich jedenfalls nicht verlassen. Diese Geldreserve ist gewiß notwendig. Geld bedeutet in unserer Gesellschaft Handlungsfreiheit. Es ist für viele notwendige Dinge gut, welche die Gewerkschaften in normalen Zeiten tun wollen, für viele auch, die sie noch nicht tun, aber tun sollten, und die gefüllte Streikkasse ist einer der Voraussetzungen, das Mittel des Streiks überhaupt auch nur ins Auge zu fassen. Aber schwände die Wachsamkeit und Bereitschaft der Kollegen, so würde der Gewerkschaft auch die volle Kasse nichts nützen.

Ob das Vertrauen, die Einsicht und die Kampfbereitschaft in den Industriegewerkschaften und im DGB noch stark genug sind, um sie zu einer wirklichen Macht zu machen, müssen Sie selber am besten wissen. Man muß die ernste Sorge haben, die organisierte Macht, auf welche die Gewerkschaft verweist, wenn von einer möglichen Bedrohung der Demokratie die Rede ist, könnte in der Stunde der Entscheidung nicht ausreichen. Sie hat schon einmal, 1932, gegenüber dem Staatsstreich von Papens, nicht ausgereicht.

Anderseits muß man dieser Sorge entgegen auf die Hoffnung setzen, daß die Demokratie dann in ihr wirklich einen sicheren Schutz hat. Wir leben in einer einigermaßen funktionierenden Demokratie, die mit soviel Wohlstand gepolstert ist, daß man verlernt hat, sich kritische Lagen vorzustellen. Aber in Frankreich war es vor einigen Monaten immerhin so weit, daß man sie sich vorstellen konnte.

Gegenüber den Fallschirmjägern aus, Algier, die einen Überfall auf Paris zu unternehmen drohten, hatten die Gewerkschaften sich auf den Generalstreik rüsten müssen. Niemand weiß, was sich bei uns entwickeln wird, wenn das labile Gleichgewicht der Massengefühle einmal erschüttert werden wird, etwa durch eine Wirtschaftskrise oder aber dadurch, daß wir mit harten Tatsachen der Außenpolitik konfrontiert werden, etwa mit dem Zwang zur Anerkennung der Oder-Neiße-Linie. Es ist leicht zu sagen: Niemals. Aber ich wage, den Fall einmal hypothetisch zu setzen.