Die deutsche Demokratie ist nicht innerlich gefestigt genug, um jede Belastung aushalten zu können. Neue Verführer könnten ihre Stunde gekommen sehen. In revolutionären Situationen vermögen aber weder die Parteien die Demokratie zu garantieren – nicht ihre Mitglieder sind dann verfügbar und erst recht nicht ihre Wähler – noch die Bürokratie noch die Wirtschaftsführer. Weder die Bürger noch die Bauern sind in solchen Stunden aktionsfähig. Das ist eine Erfahrungstatsache.

Wenn offene Gewalt angewendet wird, gibt es nur eine Macht, die unbedingt zählt: die organisierte militärische Gewalt, und eine Macht, die zählen könnte: die organisierte Macht der Gewerkschaft. Sind sie demokratische Partner, so sind sie unbesiegbar; und die Demokratie ist es mit ihnen. Wenn aber in einer solchen Stunde die militärische Macht nicht in der Hand einer wahrhaft demokratischen Führung sein sollte, dann ist die Gewerkschaft die einzige demokratische Macht – wenn sie eine Macht ist.

Sie muß das wissen und tief in ihr Bewußtsein aufnehmen, aber nicht, um selbstgerecht zu werden oder aufzutrumpfen, denn im Augenblick kann man keineswegs sicher sein, daß sie sich in solcher Stunde bewähren würde, sondern um sich über die Verantwortung klarzuwerden, die ihr dann zufallen wird. Genaugenommen trägt sie sie schon jetzt – denn sie muß sich auf solche Aufgaben rüsten.

Sind sie vorbereitet?

Ob der Blitz fällt und wo der Blitz hinschlägt, entscheidet sich eigentlich nicht im Augenblick der Entladung, sondern in der Zeit vorher, in den Perioden der Aufladung der Energie. Daß man nicht sicher sein kann, ob die Gewerkschaft in der kritischen Stunde genügend aufgeladen, also genügend vorbereitet sein wird, das ist für den, der genügend Phantasie hat, um sich solche Lagen vorstellen zu können, gewiß eine schwere Sorge.

Um so wichtiger ist es, daß sie schon in normalen Zeiten eine durch und durch mit demokratischem Leben erfüllte Organisation ist. Nicht eine Organisation, die wie ein Mann aufsteht, wenn der Boß auf den Knopf drückt – das ist eine überholte Vorstellung. Weder würde einer auf den Knopf drücken – es gibt keinen soliden Knopf – noch würden alle wie ein Mann marschieren.

Die Gewerkschaft ist weder ein Felsblock noch eine Armee. Sie kann in solchen Zeiten nur dann die Demokratie garantieren, wenn sie in sich selbst, in ihrer ganzen Breite demokratisch ist, nicht nur formal und auf dem Papier, sondern wenn in ihr in allen Stufen und Gliederungen und Unternehmungen demokratisch, gedacht und gelebt wird. Ich denke nicht zuletzt an die Betriebe. Wenn das Leben in ihnen, wenn die ständige Arbeit an ihrer Demokratisierung nicht in die Gewerkschaft eingebracht wird und wenn sie nicht unmittelbar verfügbar sind, wird die Riesenorganisation in kritischen Stunden versagen müssen.