Es ist noch nicht lange her, da war die Heirat eine Sache, die zwischen den Eltern der Ehepartner ausgehandelt wurde, und sie ist es noch heute, wo wir zwischen Liebes- und Vernunftheirat zu unterscheiden gelernt haben, in vielen Erdteilen. In unseren Breiten fällt es auf, daß in den letzten Jahren der "moderne Heiratsmarkt", die Eheanbahnung, durch die Heiratsannonce zugenommen hat. Worin die Gründe dafür zu suchen sind, das geht nur zum Teil aus dem Inhalt der Anzeigen hervor, in denen Menschen ihre eigene Haut zu Markte tragen und nicht nur ihre geistigen, sondern auch ihre leiblichen Vorzüge anpreisen mit Worten wie "guttaussehend", "leicht ergraut", aber auch "weitgereist", "aktiv", "up to date" oder "gesellschaftsfähig", "kultiviert", "häuslich", die moderner Werbung oder überkommenen Vorstellungen entstammen. Von der Arbeit überlastet, finden viele offensichtlich nicht mehr genug Zeit, oder sie nehmen sich nicht mehr die Zeit, einen Partner fürs Leben zu suchen. Hemmungen, Kontaktarmut und Einsamkeit sind der Anlaß, diesen "nicht mehr ungewöhnlichen Weg" zu beschreiten, und mehr denn je ist es bei Frauen die Sehnsucht nach "Herren in gesicherter Position" – das Streben nach Sicherheit und auch Geborgenheit in einer immer unsicherer erscheinenden Welt –, die sie auf diesen nicht mehr ungewöhnlichen Weg in ihr vermeintliches Glück treibt. Durch den Frauenüberschuß nach dem Zweiten Weltkrieg sind viele Frauen zur Ehelosigkeit verurteilt; viele erhoffen eine letzte Chance von dem Heiratsinserat. Die große Zahl der Fälle, wo dieses "Geschäft mit der Einsamkeit" in betrügerischer Absicht von Eheanbahnungsinstituten zweifelhafter Güte betrieben wird, bleibt unbekannt. Etwa zwei von hundert, 10 000 Ehen, kommen in der Bundesrepublik jährlich auf diese Weise zustande. In München wurde schon eine Hollerith-Maschine installiert, die alle Ehewünsche elektronisch zu lösen verspricht, aber bei aller sachlichen Illusionslosigkeit, trotz Technik und Geschäft ist diese Art menschlicher Annäherung eine der zartesten. Hier geht man nicht gleich "aufs Ganze", hier werden zaghafte Schritte getan, scheue Zeilen, behutsame Briefe, Liebesbriefe gewechselt. Ein schriftliches Zwiegespräch dieser Art, was wir hier wiedergeben, verdeutlicht einige Schattierungen unserer modernen Gesellschaft.