Adrian Paulen hat auch als "Endfünfziger" noch das schmale Gesicht, und er trägt noch immer die gleiche randlose Brille wie in den zwanziger Jahren, als er der beste holländische und einer der schnellsten europäischen Mittelstreckenläufer war. Heute liebt er schnelle Wagen. Kaum hatte er als Mitglied des Rates des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) sein Amt als Oberschiedsrichter bei den olympischen Ausscheidungen der Mannschaften beider Teile Deutschlands in Erfurt zu aller Zufriedenheit versehen, setzte er sich in seinen Cadillac und steuerte ihn über die nächtliche Zonengrenze und – über den Rhein zurück nach Rotterdam. "Ich muß morgens der erste im Büro sein. Meine Leute sollen mir nicht nachsagen, ich vernachlässige die Arbeit über dem Sport."

Paulen ist einer der besten Kenner der internationalen Leichtathletik. Vor allem im technischen Ausschuß der IAAF leistet er seit Jahren schöpferische Arbeit: Zwischen Hergebrachtem, Traditionellem, Überholtem und oft sensationellen Neuerungen (man denke an den Heldspeer oder die "Katapultschuhe" beim Hochsprung) muß er die Waage halten oder sich für das eine oder andere entscheiden. Das Wort des Endfünfzigers gilt viel im Raum der olympischen Leichtathletik, Bei den Randtagungen zum großen IOC-Treffen in Athen fielen überaus bedeutende Entscheidungen, die bisher kaum bekanntgeworden sind. Darüber sprachen wir mit Paulen.

Der Japanische Leichtathletik-Verband hatte gewünscht, daß bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio auf einer Plastikbahn gelaufen werde. Die Japaner, die schon den Elektrotrainer (ähnlich dem Hasen bei Windhundrennen) erfanden, wollten alle auf der Plastikbahn zu erwartenden Weltrekorde mit dem Namen ihrer Hauptstadt verbinden.

Paulen: Wir lehnten das ab. Jeder Athlet auf der Welt müßte sonst die Möglichkeit haben, zuvor auf solchen Plastikbahnen mindestens vier Jahre zu trainieren.

Beim Weitsprung wird in diesem Jahr der 20 Zentimeter breite Absprung-Holzbalken auf manchen Plätzen versuchsweise durch eine einen Meter lange Plastilinfläche ersetzt werden. Man will damit jedes "Übertreten" verhindern.

Paulen: Wir sind dagegen. Wir ändern die bestehenden Bedingungen nicht! Das wäre gegen die Tradition, denn der Ursprung des Weitsprungs liegt im Überspringen von Gräben. Die Idee mit der Plastikfläche ist nichts als Rekordhascherei.

Ist das Speer-Dilemma gelöst, und wie geht die Entwicklung im Stabhochsprung?