Hamburg

Bestellen Sie ihrem Mann, daß wir diese Richtung nicht wollen in Norddeutschland. Wir merken schon längst, worauf man mit allen diesen sogenannten Kunstwerken hinauswill: man will uns den Uno-Menschen propagieren! Man serviert uns solche Plattfußindianer, damit wir uns daran gewöhnen, daß unsere nordische Rasse nichts mehr gilt in der Welt."

Das sagte am Telefon ein Mann zu der Frau des Hamburger Bildhauers Professor Gustav Seitz. Der vermeintliche Uno-Mensch, eine Bronze von Seitz, steht seit einigen Wochen im Vordergarten einer neugebauten Polizeiwache in Hamburg-Niendorf. Die männliche Aktfigur, 1,49 Meter hoch, steht mit leicht gespreizten Beinen halb sinnend halb aufmerksam da – ein Hirte, dessen Schafen im Augenblick nichts passieren kann oder ein Verkehrspolizist zu toter Mittagszeit an regulierter Kreuzung. Seitz nannte die Plastik "Der Hüter".

Als 1959 die Hamburger Baubehörde dem Professor Seitz von der Hochschule für Bildende Künste den Auftrag gab, eine Plastik für den Garten der Ordnungshüter zu schaffen, dachte der Bildhauer zunächst an einen Hüter mit langem Hirtenstab in einer Hand – ein Entwurf, den die Kommission akzeptierte. Seitz selbst änderte während der Arbeit seinen Plan und den städtischen Auftraggebern war es recht, daß auf den Stab, der in Skizzen mit beiden Händen senkrecht hinter dem Rücken gehalten wurde, schließlich verzichtet wurde. So hält der Hüter heute mit der Rechten, die hinter dem Rücken liegt, nur den linken Unterarm, der entspannt herabhängt. Die maßvoll moderne Auffassung des Hüters fordert, sollte man meinen, den kunstskeptischen Bürger nicht heraus.

Der Hüter erregte dennoch reichlich Anstoß. Er wurde allerdings nicht, wie eine Arbeit Henry Moores in Freiburg, geteert und gefedert. Nur mit Schreibfedern ging man der Plastik von Seitz bisher zu Leibe, dieser Figur, die weder dem sagenhaften nordischen Menschen noch der Idealgestalt der Polizisten des Reviers in Niendorf enspricht.

"Vor unserer Wache steht seit kurzem eine kleine, nackte Männergestalt. Sie hat den Ausdruck eines Schwachsinnigen und die Gestalt eines degenerierten Menschen. Diese Bronzefigur soll das Symbol eines Ordnungshüters sein. Die hier Dienst verrichtenden Beamten empfinden die deformierte Gestalt als eine Beleidigung und Diskriminierung. Es wird deshalb gebeten, diese Figur zu entfernen, da sie den vom Schöpfer gedachten Zweck nicht erfüllt." So schrieb der Revierführer der Niendorfer Wache an den Polizeipräsidenten.

Der Schock wäre nach Meinung einiger Polizisten zu mildern, gäbe man dem Hüter wenigstens einen kleinen Lendenschurz. Der aber könnte den Rasse-Idealisten am Telefon wohl nicht versöhnlicher stimmen. Solche kümmerlichen Gestalten will man uns als Idealbild vorsetzen. Dagegen sträubt sich unser gesundes Rassegefühl.