In Windeseile hatte sich das Gerücht von dem "Wunder" herumgesprochen, Selten waren die Menschen in einem kleinen schottischen Fischerdorf so hurtig und zahlreich an der Hafenmole zusammengekommen wie an jenem Tag, da einer der Ihren in seinem Boot einen wahrhaft ungewöhnlichen Fang mit von See brachte. In den Weidenkörben zwischen den gewohnten Lengfischen, Kabeljaus und Heringen lag da ein glänzend weißer, etwas "buckliger" kiloschwerer Fisch, von dem auch die ältesten Fischersleute sagten, sie hätten nie seinesgleichen gesehen. Die Jungen im Dorf hielten sich nicht lange mit allgemeinen Mutmaßungen auf; sie brachten das Tier zu einem Fischereibiologen nach Aberdeen.

Der Ichthyologe in Aberdeen hatte es jedoch nicht leicht mit seiner Diagnose. Erst nach vielen Tagen des Sezierens und der Lektüre internationaler Bestimmbücher kam er zu dem Schluß, daß es sich um einen Oncorhynchus gorbuscha handeln müsse, doch er konnte sich nicht erklären, wie dieser "Rosalachs" aus seiner natürlichen Heimat im Pazifik in das Netz des schottischen Fischers geraten war.

Schließlich fand er die Erklärung in den Protokollen des großen Internationalen Ozeanographen-Kongresses, der 1959 in New York stattgefunden hatte. Sowohl britische als auch russische Fachleute referierten damals zum ersten Male über ihre Pläne, gewisse Fischarten in andere Meeresteile umzusiedeln. So waren 1956, nachdem die Russen von 1933 bis 1939 erfolglos befruchtete Eier des pazifischen Rosalachses bei Murmansk ausgesetzt hatten, einige Millionen Lachseier mittels einer Luftbrücke vom Pazifik zur Eismeerhalbinsel Kola gebracht worden. Den Erfolg dieses Experiments, die natürlichen Fischbestände eines Meeresteils künstlich aufzustocken, bestätigte nun der wanderfreudige "Irrläufer", den die schottischen Fischer so weidlich bestaunten.

Dieser Fall ist den Fachleuten nicht neu, so erstaunlich er anmutet. Die Schwierigkeit, Frischfisch über weite Strecken ins Binnenland zu transportieren, gab den ebenso konkurrenzsüchtigen wie weitsichtigen Fischern an der Westküste der USA 1880 die Idee ein, etliche Exemplare der heringsartigen Alse, die ihre Kollegen an der Ostküste so zahlreich fingen, auf ihren heimatlichen Fanggründen vor Kalifornien auszusetzen. Heute werden dort etwa 2000 Tonnen Alse jährlich gefischt.

Die Zwangsverschickung des pazifischen Rosalachses ist bei alledem noch nicht einmal das umfangreichste oder kühnste Experiment der Russen; seit einiger Zeit versuchen sie gar, eine arktische Heringsart in antarktischen Gewässern einzubürgern.

Immer deutlicher betonen Ernährungsfachleute, daß das Nahrungsreservoir einer hungernden Welt im Wasser liege. In der Tat sorgen sich die Forscher von heute um die Zukunft, indem sie Pläne entwerfen und erproben, wie denn die von Fischen wenig bewohnten Meeresteile besiedelt und somit nutzbar gemacht werden können. Der Meeresbiologe Senkjewitsch, Professor an der Moskauer Akademie der Wissenschaften, prophezeite bereits, daß die Menschheit "im 21. Jahrhundert über eine umfangreich organisierte Meereswirtschaft verfügen" wird, eine Meeresagronomie, die die Ozeane, welche bisher nur gutmütig und launenhaft ihre Früchte hergaben, bewirtschaften wird wie einen Acker. Es gilt, die weiten "Meeresküsten" zu kultivieren, in denen bisher so schlechte Lebensbedingungen für Fische bestehen, daß ihre Anzahl für die wirtschaftliche Nutzung zu gering ist. Im Prinzip müssen dafür vier Voraussetzungen erfüllt werden:

  • Plankton, Grundnahrung für die Fische, benötigt Licht, um existieren zu können. Das Sonnenlicht dringt nur in die oberen Wasserschichten ein; in vielen Meeresteilen ist die Lichtdauer zu gering.
  • Plankton benötigt ferner mineralische Nährstoffe. Die reichsten Vorkommen bergen die Wasserschichten der Tiefe. Nur an manchen Stellen der Weltmeere, den heutigen Fischereigebieten, tragen Strömungen diese Nährstoffe in die Lichtzone empor.
  • Plankton und Fische brauchen gleichermaßen zum Leben bestimmte Wassertemperaturen.
  • Fische brauchen gewisse Chemikalien, die spurenweise im Meer vorkommen, wie Stickstoff und Phosphor.