Die Redaktion hatte ihre Bedenken gegen meine Auffassung, die in dem Artikel "Lohnt es sich, die FDP zu wählen" vertreten wurde, dennoch hat sie ihn publiziert. Aus einer Reihe von Entgegnungen, von denen einige in der ‚Zeit‘, einige in anderen Zeitungen veröffentlicht sind, glaube ich entnehmen zu können, daß manche sich in ihrer Kritik mehr vom Titel als vom Text leiten lassen. Ich selber hätte eher an eine Überschrift gedacht, wie "Möglichkeiten und Grenzen der Politik einer dritten Partei im Vierten Bundestag". Aber welche Redaktion hätte eine derartig umständliche Überschrift akzeptiert!

Mir ging es darum, die Position einer dritten Partei im Kräftegefüge des nächsten Bundestages zwischen den beiden Hauptparteien, der CDU/CSU und der SPD auszuloten. Dabei habe ich für meine Überlegungen unterstellt, daß außer diesen drei Parteien keine weitere existiert. Ich habe mich nicht mit der politischen Richtung der FDP im Vergleich zu der anderer Parteien auseinandergesetzt (und darum auch nicht die Frage gestellt, ob die Existenz einer Partei dieser Richtung erwünscht ist oder nicht), mich hat vielmehr nur die Frage interessiert, ob und wie diese Richtung in Gestalt einer dritten Partei sich im Vierten Bundestag Geltung zu verschaffen in der Lage ist.

Die FDP verwirft rundweg das Zwei-Parteien-System. Sie erstrebt statt dessen ein Drei-Parteien-System. Das ist von ihrem Standpunkt aus auch durchaus begreiflich. Aber von allgemeinem Interesse her scheint mir, lautet die Frage, wie das Drei-Parteien-System funktioniert und welche Operationsmöglichkeiten der FDP in diesem System zur Verfügung stehen.

Ich behaupte, daß eine dritte, kleinere Partei in einem Drei-Parteien-System, sofern – was die FDP anstrebt – keine der beiden Hauptparteien die absolute Mehrheit erhält und daß also eine kleine dritte Partei nur dann eine politische Rolle zu spielen vermag, wenn sie sich die freie Entscheidung vorbehält, je nach Bedarf mit der einen oder mit der anderen der beiden Hauptparteien die Regierung zu bilden.

Im Wahlkampf 1957 wollte die FDP "das Zünglein an der Waage" bilden. Dieser Anspruch hat ihr damals einen erheblichen Stimmenverlust eingetragen. Daher hat die FDP im jetzigen Wahlkampf auf diesen Anspruch verzichtet. Sie kann aber im Vierten Bundestag bei einem etwaigen Konflikt mit ihrem präsumtiven Koalitionspartner, der CDU/CSU, vor die Alternative gestellt werden, entweder zu resignieren, weil sie entsprechend ihren Wahlparolen die Bildung einer Regierung zusammen mit der SPD ablehnt, oder aber entgegen ihrer Wahlzusage um ihres Einflusses willen mit der SPD eihe Regierungskoalition einzugehen.

Im Drei-Parteien-System hat eine dritte Partei, sofern keine der beiden Hauptparteien die absolute Mehrheit erhält, nur die Möglichkeit, sich entweder für eine Hauptpartei zu entscheiden – dann kann sie aber Gefahr laufen, in den toten Winkel gedrängt zu werden – oder aber das Zünglein an der Waage zu bilden. Dann aber darf sie sich hinsichtlich ihrer Regierungsbeteiligung gegenüber den Wählern nicht binden. Diese Alternative habe ich aufzuzeigen versucht, ohne damit ein moralisches Werturteil zum Ausdruck in bringen. Daß ich die FDP moralisch hätte diffamieren wollen, wird mir zu Unrecht von einigen ihrer Vertreter unterstellt.

Ich selber neige im Prinzip – nicht etwa aus ideologischen Gründen, sondern aus praktischen Erwägungen – zum Zwei-Parteien-System. Nicht zuletzt aus der Überlegung, daß die Parteien bei den Wahlen ihre Pläne über die Regierungsbildung offenlegen, zumindest aber ihre Kanzlerkandidaten präsentieren sollten. Dazu ist aber ihrem Wesen nach eine dritte Partei nicht in der Lage. Sie kann sich nur behaupten, wenn sie sich die volle Entscheidungsfreiheit vorbehält. Dadurch aber nimmt sie dem Wähler die Möglichkeit, sich klar zu entscheiden.