ge, Bremen

Während die mehr als 16 000 Arbeitnehmer der staatlichen Borgward-Werke AG. zur Zeit geschlossen Urlaub machen, treibt der Fall des Automobilkonzerns einem dramatischen Ende zu. Wird es dem Senat, dem Besitzer des Unternehmens, im letzten Augenblick doch noch gelingen, einen Käufer zu finden? Oder muß er trotz der Rettungsversuche schon bald vor den unüberwindlichen Schwierigkeiten kapitulieren und unter Verlust vieler Millionen liquidieren?

Diese Fragen stellt sich nicht nur die Belegschaft, die sich beim Urlaubsbeginn noch an den vor den Werkstoren angebrachten Wahlplakaten mit der sozialdemokratischen Parole "Frohe Ferien für alle" erfreuen konnte. Sie beschäftigt dieöffentlichkeit. Noch klingt den Bremern das aus früheren Jahren bekannte geflügelte Wort in den Ohren: "Wenn Borgward hustet, hat ganz Bremen den Schnupfen".

Das Schicksal der Borgward-Werke werde sich in zehn, vierzehn Tagen entscheiden, sagte Senatspräsident Wilhelm Kaisen Ende vergangener Woche. Besser als mancher andere in der Hansestadt weiß er, was für ihn, für den Senat und für das Land auf dem Spiel steht. "Bremens Finanzkraft reicht nicht aus, um das leckgeschlagene Schiff wieder flott zu bekommen", fügte Kaisen resignierend hinzu. In der Tat: Ein Blick in den Etat zeigt, daß ein noch höheres finanzielles Engagement, als es der Senat mit Zustimmung der parlamentarischen Körperschaften schon eingegangen ist – es beläuft sich auf schätzungsweise 100 Millionen, davon 50 Millionen Grundkapital für die staatliche Auffang-AG. –, nicht in Frage kommen kann. Um überhaupt wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen, hält der Aufsichtsrat mit dem Münchener Sanierungs-Experten Dr. Johannes Semler an der Spitze die sofortige Aufstockung des Aktienkapitals aus Staatsmitteln um weitere 50 Millionen für notwendig.

Diese schwierige Situation macht den Eifer verständlich, mit dem Senat und Vorstand der Borgward-Werke AG. in den vergangenen Monaten nach finanzkräftigen Käufern für die drei Produktionsstätten Borgward, Goliath und Lloyd Ausschau gehalten haben. Die Verhandlungen mit sieben deutschen und ausländischen Interessenten scheiterten jedoch aus den verschiedensten Gründen. Gegenwärtig sind noch Gespräche mit einer Erdölfirma in Texas im Gang. Ende letzter Woche war zur Erleichterung Kaisens plötzlich eine Delegation der Texaner in Bremen eingetroffen. Wird es zum Abschluß kommen? Niemand weiß das bis jetzt, aber alle hoffen es. Es ist vermutlich die letzte Chance.

Unterdessen hat der zwölfköpfige Aufsichtsrat der Staats-AG. einen Schrumpfungsprozeß durchgemacht, der die Lage noch zusätzlich kompliziert: Nachdem der von der Bürgerschaft delegierte frühere Wohlfahrtssenator, der Bundestagsabgeordnete Karl Krammig (CDU), schon vor zwei Wochen seinen Austritt erklärt hätte, um nach seinen eigenen Worten "die persönliche und politische Handlungsfreiheit zurückzugewinnen", schieden dieser Tage auch der DGB-Ortsausschußvorsitzende, der SPD-Bürgerschaftsfraktionschef Richard Boljahn, sowie die vier Arbeitnehmervertreter aus. Konkrete Gründe für diesen Schritt nannten sie bisher nicht, doch glauben Kaisen und mit ihm viele Eingeweihte, daß hier, ebenso wie bei Krammig, parteipolitische Überlegungen mit im Spiel sind. Denn in Wahlzeiten möchte kein Parlamentarier mit vielleicht notwendigen Massenentlassungen etwas zu tun haben.