Von Marcel Reich-Ranicki

Bekannte Romanciers, Dramatiker oder Lyriker, denen der Erfolg auf ihrem eigentlichen Betätigungsfeld nicht ausreicht, verspüren bisweilen das dringende Bedürfnis, sich über die Werke ihrer Kollegen – der Zeitgenossen und der Meister der Vergangenheit – kritisch zu äußern. In extremen und besonders hartnäckigen Fällen streben derartige Autoren eine gewisse Vollständigkeit und Systematisierung ihrer persönlichen Urteile an. Die Bücher, die auf diese Weise entstehen, enthalten, wenn es gut geht, anregende Bemerkungen und originelle Formulierungen, tragen aber in der Regel, infolge ihrer Subjektivität, nicht so sehr zur Bereicherung der Wissenschaft bei als zur Verwirrung des ohnehin leidgeprüften Publikums.

Wenn es auch manchen bundesrepublikanischen Redakteuren schwerfällt, das zu begreifen, so sollte es doch keinem Zweifel unterliegen, daß die Literaturkritik (und erst recht die Literaturgeschichte) gewisse Kenntnisse und Fähigkeiten erfordert, deren Existenz durch den Umstand, daß jemand einen guten Roman oder drei beachtliche Gedichte verfaßt hat, nicht im geringsten gewährleistet wird. Überdies ist die Kritik leider eine zwar schlechtbezahlte, aber sehr zeitraubende Tätigkeit, was sie – den allgemeinen Ansichten und der bedauerlichen Praxis zum Trotz – zu einer gelegentlichen Nebenbeschäftigung durchaus nicht geeignet macht.

Eine Nebenbeschäftigung ist die Literaturkritik für John B. Priestley. Nachdem er sich schon in den zwanziger Jahren als Kritiker versucht hatte, wandte er sich später, glücklicherweise, der Dramatik und der Epik zu. Über seine Erfolge braucht man kein Wort zu verlieren – dem unermüdlichen und tüchtigen Theaterautor und dem unterhaltsamen Romancier wurde eben jener Ruhm zuteil, der manchem, größeren Talent dieser Zeit versagt blieb. Denn wie sympathisch einiges von dem, was wir Priestley verdanken, sein mag, wieviel Anlaß wir haben, vor diesem aufrechten und konsequenten Gesellschaftskritiker den Hut mit Respekt zu lüften – so läßt es sich doch nicht verschweigen, daß ihm nie ein wirklich bedeutendes Werk gelungen ist.

Dies kann man auch schwerlich von jenem umfangreichen Buch sagen, mit dem er glaubte, unlängst zur Literaturkritik zurückkehren zu müssen, und mit dem uns ein deutscher Verleger unbedingt beglücken wollte –

J. B. Priestley: "Der Europäer und seine Literatur"; Verlag Kurt Desch, München; 535 Seiten, 11,80 DM.

Fast fünf Jahrhunderte der abendländischen Literatur – womit die Werke der Europäer und der Amerikaner gemeint sind – werden abgeleuchtet: von der Erfindung der Buchdruckerkunst bis heute, unter besonderer Berücksichtigung der letzten hundert Jahre. Seine Untersuchung sei zwar keine Literaturgeschichte, meint Priestley, doch könne sie "im Notfall als solche dienen". Hoffen wir, daß wir vor solchen Notfällen bewahrt bleiben.