Von Hans Gresmann

Harvard‚ im Juli

Der breitschultrige, wuchtige Mann machte eine recht komische Figur: Der Cut war viel zu eng, die Ärmel um eine Handbreit zu kurz – die gestreiften Hosen dagegen viel zu lang. Man schrieb das Jahr 1951. Der neue amerikanische Botschafter, den Präsident Truman nach New Delhi geschickt hatte, überreichte dem indischen Staatspräsidenten sein Beglaubigungsschreiben in einem merkwürdigen Aufzug. Er hatte seine vorschriftsmäßige Amtskleidung in Washington vergessen und mußte darum seine Zuflucht zum passend-unpassenden Gewand seines italienischen Kollegen nehmen. So begann, die diplomatische Mission von Chester Bliss Bowles.

Jene Episode, über die später niemand so sehr gelacht hat als Bowles selber, ist bezeichnend für diesen Mann, dessen Sache es nicht ist zu organisieren, Äußerlichkeiten zu bedenken, Details sorgfältig zu planen. Zwar hatte er sich, bevor er nach Indien ging, für die neue Aufgabe so gründlich vorbereitet, wie ein Diplomat es nur kann – aber den Cut hatte er vergessen.

Den Indern freilich war die Sache mit dem Cut ganz egal; sie fanden sehr schnell heraus, daß hier kein steifer, hochmütiger diplomatischer Repräsentant gekommen war, sondern ein Freund, der verstehen, und helfen wollte. Die Skeptiker in den Washingtoner Amtsstuben, die die Ernennung von Chester Bowles, des Mannes "ohne jede diplomatische Erfahrung" hämisch und mit bösen Prophezeiungen kommentiert hatten, wurden bald eines Besseren belehrt. Kein amerikanischer Botschafter hat sein Land nach dem zweiten Krieg mit so viel Geschick, Takt und – Erfolg vertreten wie er.

Die zwei Jahre in Indien waren für Bowles nur ein Zwischenspiel, eine wichtige Etappe in seiner – wenn es denn überhaupt so etwas gibt – ganz und gar amerikanischen Karriere. Er, der vor sechzig Jahren in Springfield in Massachusetts gehören wurde, entstammt einer alteingesessenen Neuengland-Familie. So war es selbstverständlich, daß er eine der besten Highschools besuchte und dann auf eine der berühmten Universitäten der Ostküste ging: Er wählte Yale. Nach dem Abschlußexamen arbeitete er ein Jahr lang an einer Zeitung, die sein Großvater gegründet hatte. Der Journalismus gefiel ihm, der Familienbetrieb jedoch nicht. So siedelte er nach New York über und sah sich auf den Redaktionen um. Das günstigste Angebot: ein Job, der zwölf Dollar die Woche gebracht hätte.

Der Zufall führte ihm einen alten Freund über den Weg, der etwas von Werbung verstand. Die beiden taten sich zusammen und gründeten bald eine eigene Firma. Es dauerte nicht lange, da war Benton & Bowles ein fester Begriff in Madison Avenue, der Hochburg des amerikanische Werbe- und Public-Relations-Geschäftes. Benton war der Kaufmann; Bowles der Mann, der die Ideen beisteuerte – die Firma florierte auf das beste.