Aus Bad Hersfeld verbannt

Am Rande der Festspiele in Bad Hersfeld hat es eine Panne gegeben. Ein Ballett-Abend, der als Sonderveranstaltung außerhalb des offiziellen Programms am 24. Juli stattfinden sollte, mußte plötzlich abgesetzt werden. Das Bundesinnenministerium sprach brieflich dieses Verlangen aus, und der Hersfelder Magistrat gehorchte, wenn auch offenbar widerstrebend, der Bonner Weisung.

Das renommierte "Deutsche Ballett-Theater", das unter der künstlerischen Leitung der angesehenen Tänzerin Erika Lindner steht, hatte in der "Sommernachtstraum"-Inszenierung William Dieterles mitgewirkt und dafür von der Festspielleitung auch einen eigenen Ballettabend zugestanden bekommen.

Lange vor dem Beginn der Festspiele war dieses Programm auch dem Bonner Innenministerium bekannt, das eine nennenswerte Subvention zu den Hersfelder Festspielen beiträgt. Plötzlich – nachdem der Erfolg einer grundsätzlichen Wendung des Hersfelder Spielplans von sakral gefärbter Theatralik zu vielfältiger Bühnenkunst bereits sichtbar geworden war – fand der zuständige Sachbearbeiter des Bundesinnenministeriums ein Haar in der Suppe und schrieb einen barschen Brief nach Bad Hersfeld. Darin heißt es, das Bundesinnenministerium gebe Geld nur für "kulturelle Zwecke". Da mit dieser Begründung die Absetzung des Ballettabends verlangt wurde, gehört Ballett also nicht zur subventionswürdigen "Kultur".

Erschwerend für das ministeriale Gewissen war freilich ein weiterer Umstand: Dieser Ballett-Abend sollte in der "Stiftskirche" stattfinden. Herr Doktor Gussone schrieb tatsächlich "Stiftskirche". Soweit sind bisher nicht einmal diejenigen gegangen, die dem Einzug von Komödien und weltlichen Schauspielen in die Stiftsruine mit Vorbehalt zusahen.

Der Schauplatz der Hersfelder Festspiele ist bekanntlich ein unter Denkmalschutz stehender Architektur-Torso. Die ehemalige Stiftskirche ist im Siebenjährigen Kriege zerstört. worden. Die Ruine diente zeitweise als Getreidespeicher, aber auch anderen sehr unkirchlichen Zwecken.

Historisierende Romantik lehnte schließlich künstlerische Darbietungen an die Ästhetik des Bauwerks an. Aber keiner, der hier Theateraufführungen, Konzerte oder Rezitationen veranstaltete, war bisher auf den Gedanken gekommen, daß er sich in einer Kirche befinde, auf deren kultischen Charakter Rücksicht zu nehmen wäre. Nur im Bonner Innenministerium gilt ein zu künstlerischen Zwecken genutztes Architekturdenkmal als "Stiftskirche" – und darin darf man natürlich nicht tanzen.