Von Johannes Jacobi

Im Düsseldorfer Schauspielhaus hat Karl Heinz Stroux während der abgelaufenen Spielzeit "Vor Sonnenuntergang" von Gerhart Hauptmann inszeniert. Das Stück ist kein bedeutendes Drama. Es siecht eigentlich schon seit seiner Uraufführung (1932) dahin, als Max Reinhardt den Dichter überzeugte, daß es ohne den fünften Akt gespielt werden sollte. Dennoch enthält es eine Rolle, die als Altersrolle reifen Schauspielern begehrenswert erscheinen muß: den Geheimrat Matthias Clausen.

Werner Krauss war Hauptmanns erster Clausen, der bürgerliche und verwitwete Familienfürst, dem als Siebziger neue Liebe, neues Leben widerfährt. Krauss hat die Herrscherrolle wie sein persönliches Panier zweieinhalb Jahrzehnte über viele Bühnen getragen. Er hatte auch seinen Nachfolger als Clausen designiert: Ernst Deutsch. Krauss und Deutsch standen gemeinsam auf der Bühne schon in jener denkwürdigen Aufführung von Hasenclevers "Sohn" 1918 im Berliner Deutschen Theater. Sie hatte den jungen Deutsch in der expressionistischen Titelrolle so berühmt gemacht, daß Max Reinhardt sagen konnte: "Heute weiß jeder Mensch in Konstantinopel, wer Ernst Deutsch ist." Deutsch respektierte lange den Hauptmann-Ruhm des Kollegen. Außerdem bedeutete das Rollenerbe wegen der Vergleichsmöglichkeiten ein persönliches Wagnis.

Auch heute wieder weiß "jeder Mensch", wer Ernst Deutsch ist. Während des Jahrzehnts, seitdem er von neuem in dem Lande seiner frühen Triumphe spielt, ist er "der" Nathan Lessings geworden. In Hunderten von Vorstellungen hat Deutsch auf Gastspielreisen mit dem Düsseldorfer Ensemble den Zuschauern ans Herz gegriffen durch den Bericht, wie der reiche Jude dem Pogrom entrann, aber alles verlor, was ihm lieb war. In Oslo, wo deutsche Schauspieler seit dem Krieg nicht gern gesehen wurden, applaudierte das Publikum am Schluß allen Mitwirkenden des Gastspiels. Als Ernst Deutsch einmal allein an die Rampe trat, verstummte das Händeklatschen: Die Zuschauer erhoben sich ihm zu Ehren von den Plätzen.

"Vor Sonnenuntergang" scheint nun ein zweites Gastierstück für den großen Schauspieler zu werden. Am Spielzeitende wurde die Düsseldorfer Vorstellung zehnmal in Hamburg gezeigt. Sollte das ein Test gewesen sein, so verlief er positiv. Das Theater am Besenbinderhof war ständig ausverkauft, und Abend für Abend, wenn Ernst Deutsch die Bühne betrat, wurde er schon vor dem ersten Wort von Publikumsbeifall begrüßt. Wie "Nathan der Weise" wird "Vor Sonnenuntergang" vom Fernsehen aufgezeichnet werden, Stroux hat außerdem den Plan, beide Düsseldorfer Inszenierungen in New York zu zeigen. Es würde echt eigentlich ein Deutsch-Gastspiel werden.

Der Geheimrat Clausen ist eine Leistungsspitze Deutschs und ein Muster psychologischer Schaupielkunst geworden. Werner Krauss war vieleicht mehr Herrscher über den Familienclan, der hn schließlich fällt. Auch in seiner Spätliebe zur jugendfrischen Inken Peters blieb Krauss für den Zuschauer spürbar der große alte Herr, eine mehr väterliche Persönlichkeit. Ernst Deutsch ist schlicher, ja genauer beides: der intelligente Kopf, der ede Situation, sogar die eigene Verfassung durchhaut, und der Liebende, der ganz Partner der Person ist, durch die sein altes Herz wieder jung geworden ist. Selten noch ist die Psychoanalyse der eigenen Person so klar verständlich und als dramaturgisches sichtbare geworden, die Clausen im freundschaftlichen Gespräch mit Professor Geiger (Peter Esser ausbreitet.

Im werbenden Dialog mit Inken (Ingrid Ernest) nimmt Deutsch durch dezentes, aber intensives Beteiligtsein dieser Verbindung zweier Menschen über Generationen hinweg jegliche Peinlichkeit. Nach der Rückkehr des Paares aus der Schweiz ist der Siebzigjährige (Rollen- und Darstelleralter sind identisch) auf eine bezwingende Weise jung. Um so bestürzender der mimische Kontrast nach dem tödlichen Schlag der Entmündigung. Fast ohne kostümliche Unterstützung zeigt der Schauspieler zwei Gesichter. – den Sturz eines Titanen.