Michel (geboren 1924):

"Last night J dreamt J went to Manderley again"

Das Thema "Mein Bild" möchte ich streng im Sinne des besitzanzeigenden Fürwortes auffassen und keinen Anspruch damit verbinden, irgendeinen Höchstwert, sei es auch nur den des eigenen Geschmacks, zu äußern. Ich weiß nicht, ob das vorgestellte Bild das schönste von den Collagen Michels ist, die ich besitze. Aber es übt auf mich, wie ich nun jahrelang erfahren habe, eine sehr stetige und dauerhafte Anziehungskraft aus, während ich anderen Bildern gegenüber eine sehr wechselhafte Liebhaberbeziehung an den Tag lege.

Was das Bild eigentlich in Wirklichkeit ist, läßt sich, auch oder gerade in einer Abbildung, ungemein schwer darstellen: Diese kleine aus Asche, Tabak, Leim, Streichhölzern, Papp- und Stoffresten und sparsamen Farbstrichen gefertigte Collage kann man, auch mit den raffiniertesten technischen Mitteln, kaum angemessen photographieren. Daß diese Materialbilder ihre wesentlichen künstlerischen Qualitäten weitgehend jeder Vervielfältigung entziehen und sich bisher verhältnismäßig unangreifbar als Original behaupten, ist ein Reiz, der zumindest die Besitzfreude erhöht. Ich habe daher hier weder die Absicht, die künstlerischen Qualitäten des Bildes, die vor allem in einer schwer wiedergebbaren poetischen Beschwingtheit und verschwiegenen Farbigkeit beruhen, irgendwie zu schildern, noch die malerische Gattung der Collagen oder Materialbilder grundsätzlich zu würdigen oder zu verteidigen.

Über den Maler, einen seit zehn Jahren in Paris lebenden und zur "Ecole de Paris" gehörenden deutschen Künstler (geboren in Stettin 1924), haben Berufenere ein künstlerisches Urteil gefällt, so etwa Michel Seuphor, der in seinem "Lexikon der abstrakten Kunst" meint, daß "die Collagen Michels im besten Sinne die Tradition von Klee und Schwitters fortführen und zu dem derzeit Raffiniertesten in diesem Genre gehören". Es geht ja hier um mein Verhältnis zu diesem Bild, und so muß ich schon von mir selbst als Anschauendem sprechen.

Das mich in diesem Bild dauerhaft Anrührende liegt zunächst in seiner Fähigkeit, in mir eine intellektuelle Erinnerung an ästhetische Erlebnisse zu wecken, die ich doch nicht voll konkretisieren kann. Es ist eine Erinnerung an abstrakte Kunstqualitäten, die ich aus Bildern des 19. Jahrhunderts kenne, vor allem aus Aquarellen der späten Romantik und des Biedermeier. Aber die Ungegenständlichkeit des Bildinhaltes und die jeder kunstgeschichtlichen Assoziation widersprechende Mal- oder Fertigungsweise des Materialbildes verhindern jedes Bemühen, diese Erinnerung im einzelnen zu bestimmen.

Ich weiß heute noch nicht, an was das Bild mich eigentlich erinnert. Es provoziert sozusagen ein abstraktes Erinnerungsvermögen und zugleich einen eigentümlichen Genuß an der Fähigkeit des Erinnerns, ohne daß diese im Gegenstand des Gedächtnisses abgesättigt und aufgehoben werden kann. So vermittelt dies Bild die faszinierende Bekanntheit und die verrückte Entfremdung des Traum bei vollem Bewußtsein.