Proust wäre am 10. Juli 90 Jahre alt geworden. Diesen Essay, ein Vorwort zu Paul Morands Novellenband "Tendres Stocks", schrieb er kurz vor seinem Tode.

Gerne hätte ich mich der überflüssigen Mühe unterzogen, für die köstlichen kleinen Romane Morands ein regelrechtes Vorwort zu schreiben. Ein plötzlich eingetretenes Ereignis hat mich daran gehindert. Eine Fremde hat sich in meinem Gehirn wohnlich eingerichtet. Sie kam und ging, und bald hatte ich aus ihrer äußeren Lebensführung ihre Gewohnheiten kennengelernt. Damit nicht genug: wie eine allzu familiäre Mieterin wollte sie durchaus in unmittelbare Beziehungen zu mir treten. Ich war erstaunt, als ich sah, daß sie nicht schön war. Ich hatte immer geglaubt, die Todesgöttin müsse es sein. Wie könnte sie sonst stets über uns triumphieren? Wie dem auch sei, sie scheint mich heute allein gelassen zu haben. Zweifellos nicht für lange, nach allem zu schließen, was noch an sie gemahnt. Und es wäre klüger, die mir eingeräumte Frist anderweitig zu nutzen, als um eine Einführung für einen schon bekannten Schriftsteller zu schreiben, der ihrer nicht bedarf.

Noch etwas hätte mich umstimmen sollen. Mein verehrter Meister Anatole France (den ich übrigens seit über zwanzig Jahren nicht wiedergesehen habe) veröffentlichte kürzlich in der Revue de Paris einen Aufsatz, worin er, jede Eigenart des Stils für verwerflich erklärt. Nun ist nichts gewisser, als daß der Stil Paul Morands eigenartig ist. Würde mir die Freude zuteil, Anatole France wiederzusehen, dessen mir bewiesene Güte mir noch lebhaft vor Augen steht, so würde ich ihn fragen, wieso er an die Einheit des Stils zu glauben vermag, da doch die Fühlweisen verschieden sind. Schönheit des Stils ist ein untrügliches Zeichen, daß der Gedanke sich erhebt und die notwendigen Verbindungen zwischen den Dingen entdeckt und herstellt, die im Zufälligen ihres Daseins getrennt waren.

Anatole France behauptet, man schreibe schlecht seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. Über diesen Punkt ließen sich verschiedene Betrachtungen anstellen. Es ist kein Zweifel, daß zahlreiche Schriftsteller im 19. Jahrhundert schlecht geschrieben haben. Wenn Anatole France von uns verlangt, daß wir ihm Guizot und Thiers preisgeben (eine Gegenüberstellung, die Guizot sehr zur Unehre gereicht), so gehorchen wir ihm freudig. Taine, dessen Prosa die Farbigkeit von Reliefkarten hat, um größeren Eindruck auf die Mittelschüler zu machen, kann man einige Lorbeeren zubilligen. Wenn wir Renan für sein Verdienst, moralische Wahrheiten auf eine richtige Formel gebracht zu haben, gelten lassen, müssen wir allerdings gleichzeitig zugeben, daß er mitunter recht schlecht geschrieben hat. Ganz zu schweigen von seinen letzten Schöpfungen, wo er fortwährend so sehr im Ton daneben greift, daß es scheint, als habe er eine komische Wirkung erzielen wollen. Auch von seinen allerersten, den mit Ausrufungszeichen übersäten, wo unaufhörlich eine Chorknabenseele überzuströmen scheint: die schönen "Ursprünge des Christentums" sind größtenteils schlecht geschrieben. Selten findet man bei einem Schriftsteller von so hohem Verdienst eine derartige Unfähigkeit zur Darstellung. Die Beschreibung Jerusalems, als Jesus zum erstenmal dort ankommt, ist im Baedekerstil abgefaßt: "Die Gebäude machen in ihrer Großartigkeit, der meisterlichen Ausführung, der Schönheit des Materials den Meisterwerken der Antike den Rang streitig. Eine Unzahl prächtiger Grabmäler von ungewöhnlichem Geschmack..." Renan glaubte, an allen entscheidenden Stellen einen aufdringlichen Pomp à la Ary Scheffer oder Gounod beimengen zu müssen. Um einem Buch einen würdigen Abschluß zu geben, bedient er sich der Sprachbilder, eines braven Schülers, die niemals aus dem lebendigen Eindruck geboren sind: "Jetzt endlich wird die apostolische Barke ihre Segel blähen können... Jetzt hatte das aufdringliche Licht des Tages der zahllosen Armee der Sterne Platz gemacht... Der Flügel des Todes streifte uns beide." Und wenn Renan Jesus bei seinem Aufenthalt in Jerusalem den "jungen jüdischen Demokraten" nennt, von den "Naivitäten" spricht, die "immer wieder" diesem "Provinzler" unterlaufen, so fragt man sich, ob das "Leben Jesu" – bei aller Anerkennung von Renans Genius – nicht so etwas wie eine "Schöne Helena" des Christentums ist. Aber möge Anatole France nicht vorschnell triumphieren. Ist es wirklich sicher, daß sich das 19. Jahrhundert im Hintertreffen befindet, was den Stil anbetrifft?

Der Stil Baudelaires hat häufig etwas Äußerliches, fragt man aber nach der Gewalt, wo hätte er seinesgleichen? Baudelaire ist ein großer klassischer Dichter, und – merkwürdig! – der Klassizismus in der Form steigert sich mit der Freiheit der ausgemalten Szenen. Racine hat tiefere Verse geschrieben, aber keine von reinerem Stil als dem der Poemes condamnes.

Armer Baudelaire! Als er bei Sainte-Beuve um eine Besprechung bettelt (mit wieviel Zartgefühl und Ehrerbietung!), erlangt er schließlich Lobsprüche wie diese: "Eins steht fest, daß nämlich Herr Baudelaire bei persönlicher Bekanntschaft gewinnt. Man erwartet, einen sonderlichen exzentrischen Menschen zu sehen, und findet sich einem Bittsteller gegenüber, einem höflichen, respektvollen, liebenswürdigen Burschen von gepflegter Sprechweise und klassischen Umgangsformen." Um sich bei ihm für seine Widmung in den Fleurs du Mal zu bedanken, weiß er kein besseres Kompliment zu machen, als daß er sagt, "gesammelt machen Baudelaires Dichtungen einen ganz anderen Eindruck." Er schließt, indem er einige Gedichte besonders hervorhebt und sie mit zweideutigen Beiwörter wie "preziös" und "subtil" auszeichnet und fragt: "Warum wurde das nicht lateinisch geschrieben oder noch besser griechisch?" Ein seltsames Lob für französische Verse! Diese Beziehungen Baudelaires zu Sainte-Beuve gehören zu den ergreifendsten und zugleich komischsten Seiten der französischen Literatur.

Das stärkste Stück ist, daß Sainte-Beuve, als Baudelaire wegen der Fleurs du Mal verfolgt wurde, kein Zeugnis für ihn ablegen wollte, wohl aber einen Brief an ihn schrieb, den er sich schleunigst zurückerbat, sobald er erfahren hatte, man plane ihn der Öffentlichkeit zu übergeben. Als er ihn späterhin erscheinen ließ, glaubte er ihm eine Einleitung voranschicken zu müssen (um ihn noch unverbindlicher zu verwässern), worin er sagt, dieser Brief "sei in der Absicht, der Verteidigung zu Hilfe zu kommen, geschrieben worden". Das Lob war überdies nicht allzu kompromittierend: Der Dichter Baudelaire (heißt es da) habe Jahre daran gewandt, um. aus jedem Gegenstand und jeder Blume ein Quentchen Gift zu ziehen, obzwar, wie man zugeben müsse, von einer recht angenehmen Giftigkeit. Im übrigen wäre er ein geistvoller Mensch, recht liebenswürdig, wenn er in Stimmung war, menschlich zugänglich. Als Baudelaire, auf Sainte-Beuves Rat hin, seine Kandidatur für die Akademie zurückzog, beglückwünschte ihn der berühmte Kritiker, indem er sagte: "Als der letzte Satz Ihres Verzichts zur Vorlesung kam, in einer so bescheidenen, höflichen Sprache abgefaßt, wurde laut geäußert: ‚Sehr gut!‘" Das Erstaunliche ist nicht etwa, daß Sainte-Beuve glaubt, er habe sich weitgehend für Baudelaire eingesetzt, sondern daß der Dichter – verlassen von jeder moralischen Stütze, ohne einen Strahl der Gerechtigkeit – diese Ansicht des Kritikers. teilt und buchstäblich nicht weiß, wie er ihn seiner Dankbarkeit versichern soll.