BAYERISCHER RUNDFUNK MÜNCHEN

Dienstag, 18. Juli, Hörspiel

Rückblicke auf das, was einmal preisgekrönt wurde, können bisweilen interessante Feststellungen über Geschmacks- und Gesinnungswandel in der Kunst ergeben. Die erste dieser Feststellungen betrifft die Psychologie der Preisverteilungen an sich. Hans v. Bülow, der berühmte Dirigent, pflegte zu sagen: "Je preiser ein Werk gekrönt wird, desto durcher fällt es." Ein Bonmot, das zwar nicht immer buchstäblich zutreffen muß, jedoch auf weitere Sicht symptomatischen Wahrheitswert hat. Insofern nämlich, als jede Gegenwart eben nur das zu preisen und zu krönen weiß, was ihrem gerade geltenden Geschmack und Stil entspricht; nicht das, was aus Kräften eigener Ideen- und Formsubstanz die Augenblicksgeltung überdauert.

Eine retrospektive Bilanz solcher Art zieht der Bayerische Rundfunk zur Zeit mit einer Sendereihe, in der die preisgekrönten Stücke des "Hörspielpreises der Kriegsblinden" noch einmal dargeboten werden. Da gab es denn auch eine Wiederbegegnung mit Heinz Oskar Wuttigs "Nachtstreife", die 1953 ausgezeichnet wurde. Eine RIAS-Aufnahme unter Peter Thomas’ Regie, in der Horst: Buchholz noch in einer Nebenrolle figuriert. Ganz offenkundig spiegelt dieses Hörspiel sowohl in seiner Stoffwahl wie in seiner Tendenz und im ängstlichen Realismus der aufwendigen Geräuschkulisse den Geist der Zeit vor acht Jahren. Und es zeigt, daß sich inzwischen doch verschiedene Akzente verschoben haben. Dieser Wachtmeister, der auf seinem nächtlichen Rundgang ein Dutzend Zwischenfälle, aus denen leicht Katastrophen werden könnten, teils wissentlich, teils, als blindes Werkzeug des Zufalls in Wohlgefallen auflöst und dabei obendrein selbst von einem gefährlichen Alpdruck befreit wird, ist die Personifikation des entschlossenen Willens zur Entschärfung aller Bedrohungen, wie er jene Jahre nach der Währungsreform beherrschte. Seither haben wir immerhin so viel von diesem gutgläubigen Quietismus eingebüßt, daß uns die Gottgesandtheit des biederen Schutzengel-Polizisten am Ende denn doch etwas komisch vorkommt, zumal angesichts einer so ungestörten Erfolgsserie seiner Heilsrolle. Schön war’s ja, daß dergleichen uns, vor noch so wenigen Jahren, einmal entzückte. Schön wär’s, wenn unser Weltbild sich nicht binnen so kurzer Frist wieder so wesentlich verdüstert und verhärtet hätte! A-th