Auf der Hauptversammlung der NSU Motorenwerke AG in Neckarsulm – vertreten waren rund 650 Aktionäre – waren die Meinungsverschiedenheiten unter den Aktionären mindestens so groß wie die Abweichung von den Ansichten der Verwaltung. Es wurde Kritik geübt, die von der Ausschüttung der auf 8 (10) vH reduzierten Dividende bis zu den Bezügen des Vorstandes und des Aufsichtsrates ging, aber auch Lob wurde gespendet. Kritik und Lob gab es vor allem für die Haltung der Verwaltung hinsichtlich der Mitteilungen über den NSU-Wankelmotor.

Die Erhöhung des Grundkapitals um 9 auf 36 Mill. DM wurde vom Vorstandsvorsitzenden, Dr. von Heydekampf, mit der Ausweitung der Automobilproduktion und des Vertriebs begründet. Außerdem würden die bei dem Kurs von 200 vH der Gesellschaft zufließenden Mittel von 16,5 Mill. DM zu weiteren wichtigen Aufgaben gebraucht. Dr. von Heydekampf betonte, die Aktionäre sollten ihren Entschluß unter dem Gesichtspunkt fassen, daß ein Antrag der Verwaltung auf weitere Erhöhung des Kapitals im nächsten Jahr nicht ausgeschlossen sei.

Die Abstimmungen zeigten, daß sich die Opposition nicht durchsetzen konnte. Die Dividende von 8 vH für 1960 wurde bei rund 196 490 anwesenden Stimmen gegen 28 165 Nein-Stimmen bei 1305 Enthaltungen beschlossen. Bei der Wahl des Aufsichtsrates wurden Dr. D. Albers als Kandidat der Kleinaktionäre, und Bürgermeister Dr. Hoffmann (Neckarsulm) von Seiten der Verwaltung (an Stelle des ausscheidenden Mitgliedes Fritz von Falkenhayn) vorgeschlagen. Schließlich wurde Dr. Hoffmann neu und die übrigen Aufsichtsratsmitglieder wiedergewählt. Dr. Albers erklärte Wahlanfechtung zu Protokoll.

Dr. von Heydekampf stellte richtig, daß NSU keinen neuen Mittelklasse-Wagen, sondern einen größeren Prinz bauen wird. Er werde sich der "Volkswagen-Klasse" nähern, jedoch unter dieser Klasse bleiben, weil NSU nicht mit dem Volkswagenwerk konkurrieren will. Mehr zu sagen, wäre noch einige Wochen zu früh, im Herbst werde man sehen. Der Prinz und auch der Sport-Prinz werden weitergebaut. In diesen Wochen läuft der 100 000. Wagen vom Band. Es sei doch immerhin beachtlich, meinte von Heydekampf, daß man mit diesem Wagen auf Anhieb im Automobilgeschäft habe Fuß fassen können. Auch Enttäuschungen habe es gegeben, so im Export nach Nordamerika, wo Erlösschmälerungen hingenommen werden mußten. NSU habe 1960 nicht nur um die Stetigkeit des Arbeitsvolumens kämpfen müssen, sondern auch mit der rasch wechselnden Verlagerung der Nachfrage vom Zweirad zum Vierrad und auch innerhalb des Zweiradprogrammes. Daher rühren auch die größeren Bestände am Jahresende. Durch die DM-Aufwertung, sagte von Heydekampf, mußten Nachlässe von gut 1/2 Mill. DM gewährt werden. Im laufenden Exportgeschäft sei mit einer Umsatzeinbuße von etwa 12 Mill. DM für den Rest des Jahres 1961 zu rechnen. Auch der Zweiradmarkt dürfte rückläufig bleiben. Mit der neuen Prinz-Type werde jedoch nicht nur der Ausgleich, sondern für 1962 auch höhere Umsätze erwartet. Hinsichtlich NSU-Wankelmotor erwähnte von Heydekampf die drei Lizenzverträge. Lizenzen, d. h. einen bestimmten Vertrag je erzeugtes Stück habe NSU noch nicht bekommen. Was NSU bisher erhalten habe, seien anteilige Entwicklungskosten, sogenannte Festbeiträge. Wann die Produktion beginne und wieviel in Lizenzen NSU zufließen wird, könne heute niemand sagen.

Man könne den Aktionären nur raten, Geduld zu haben und den phantasievollen Berechnungen mancher Börsendienste über die wahrscheinlichen Erträge nicht allzuviel Wert beizumessen. Schließlich könne vielleicht noch etwas Besseres erfunden werden als der Wankelmotor. V. D.