H. W., Lübeck

Wenn der große Feuilletonist Victor Aubertin noch lebte, dann hätte er vielleicht über den "Krieg", der zwischen der altehrwürdigen Hansestadt Lübeck und drei Bauern in der Lübecker Nachbarschaft ausgebrochen ist, eine kleine Geschichte geschrieben – ein Feuilleton, in dem er beiden einen Spiegel vorgehalten und ihnen mit leichtem Kopfnicken gesagt hätte: Ach Kinder, laßt das doch! Warum denn gleich so grob? Genützt hätte das wohl auch nichts, denn drei Bauern, die sich im Recht fühlen, halten von geistreichen Feuilletons nicht viel.

Ursache der Streiterei ist der Küstenstreifen auf dem sogenannten Brodtener Steilufer zwischen Travemünde und dem Ostseebad Niendorf, von Kurgästen wie Einheimischen alltäglich, aber vor allem sonntags, zu Spaziergängen entlang der reizvollen Lübecker Bucht benutzt. Er gehört zum Teil der Stadt Lübeck, zum anderen Teil den Landwirten. Diese könnten, wenn sie wollten, ihren sechs Meter breiten Landstreifen sperren und damit den Spazierweg unterbrechen. Sie taten es nicht, und dafür wurden sie auch von der Hansestadt bezahlt. Die Pacht betrug vier Pfennig je Quadratmeter.

Diese Summe war zuletzt im Jahre 1948 festgesetzt worden. Die Landwirte indessen, von steigenden Preisen bedrängt, verlangten mehr Pacht. Das war nicht unberechtigt, wenn man bedenkt, daß seit 1948 immerhin auch manches andere um einige Pfennige teurer geworden ist. Und die Lübecker waren auch durchaus bereit, zu zahlen. Freilich, als die Bauern ihre Forderung auf den Tisch legten, da hatten sie doch das Gefühl, sie sollten übers Ohr gehauen werden. Die bäuerliche Rechnung lautete nun: 80 Pfennig je Quadratmeter!

Das war immerhin eine Erhöhung um 2000 vH. Gegenwärtig bekommen die drei Landwirte für den Spazierweg eine Jahrespacht von 560 DM. Würde ihre Forderung angenommen, so würde diese Summe auf 11 200 DM steigen. Und das erschien den Lübeckern ein bißchen reichlich zu sein. 20 Pfennig sind genug, sagten sie.

Da sich nun aber beide Parteien nicht einigen konnten, begann der "Krieg", der große Kampf zwischen der Stadt und den Bauern. Die Landwirte, die vorsorglich einen Eutiner Rechtsanwalt mit der Vertretung ihrer Forderungen beauftragt hatten, stellten ein Ultimatum: Bis zum 20. Juli 24.00 Uhr muß unsere Forderung erfüllt sein, oder wir sperren den Weg durch Stacheldrahtverhaue! Die Hansestadt ging zum Gegenangriff vor. Lübecks Bürgermeister Wartemann erklärte, die Stadt werde ein Enteignungsverfahren gegen die drei Landwirte einleiten. Die Bauern ließen sich freilich noch ein Schlupfloch offen: Sie erklärten sich bereit, über einen angemessenen Kaufpreis zu verhandeln. Dabei würden sie sich entweder einem Schiedsgericht unterwerfen oder einen Preis annehmen, den das schleswigholsteinische Landwirtschaftsministerium festsetzen würde.

Der Donnerstag ging ins Land. Es wurde Mitternacht, die Frist für das Ultimatum lief ab. Am anderen Tage wanderten die Spaziergänger über das Brodtener Steilufer wie eh und je, ohne über Stacheldrahtverhaue klettern zu müssen. Die Bauern zuckten die Achseln: Sie wollten keineswegs, daß der Weg gesperrt werde. Sie wollten nur zu ihrem Recht kommen.

Wie es nun weitergehen wird, weiß niemand. Oder zumindest: Es sagt keiner. Vielleicht haben beide Seiten noch einen Vergleichsvorschlag in der Tasche, über den sie sich einigen können. Können sie sich jedoch nicht einigen, dann besteht die Gefahr, daß der "Krieg" um das Brodtener Steilufer weitergehen wird – bis im Kieler Ministerium eine Entscheidung gefällt wird oder bis die Bauern einen Stacheldraht ziehen.