Auf dem Weltkongreß der Architekten, der vor einigen Wochen in London stattfand, wurde ausführlich über die Wohnungsnot debattiert. Nach manchem, was da zu hören war, scheint es zweifelhaft, daß der Mangel an menschenwürdigen Behausungen in unserer Generation überhaupt überwunden werden kann. Nicht nur steigt die Bevölkerungszahl in allen Ländern der Erde, sondern gleichzeitig auch der berechtigte Anspruch auf anständige Unterbringung. Trotz aller Bemühungen hält das zweifellos gesteigerte Bautempo, das bereits durch Rationalisierung und bessere Ausnutzung auch der Schlechtwetterperioden erzielt werden konnte, auf lange Sicht hin nicht mit dem wachsenden Bedarf an Wohnungen Schritt. 100 000 Wohnungen pro Woche – das war eine der Zahlen, die als wünschenswerte "Weltproduktion" in London genannt wurde – können nur durch eine völlige Revolutionierung des Haus- und Städtebaues erstellt werden.

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Einer, der gegenüber dieser Herkulesarbeit nicht den Mut verliert, ist der 48jährige griechische Städteplaner Dr. Constantin Doxiadis. Er baut oder saniert zur Zeit für Auftraggeber in zwölf Ländern Stadtteile, Städte oder ganze Regionen. Eines der Projekte, die Doxiadis und seine Mitarbeiter in Arbeit haben, ist die Errichtung der neuen Hauptstadt von Pakistan, die etwa zweieinhalb Millionen Einwohner haben wird. Ein anderes betrifft die Schaffung einer neuen Großstadt in Ghana, ein drittes, bereits sehr weit fortgeschrittenes Vorhaben soll die Erneuerung und Erweiterung der alten "Märchenstadt" Bagdad bewirken.

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Aber so imponierend die äußere Größe dieser Unternehmen auch sein mag – eindrucksvoller noch ist der Geist, der Doxiadis und sein Team beseelt. Denn in hellen, modernen Ateliers, von deren Fenstern aus der Blick stets auf die Akropolis gelenkt wird, versuchen sie die antike Konzeption der Polis und der Agora in unsere Zeit hinüberzuretten. An Stelle einer Stadt, die sich in konzentrischen Kreisen um einen Stadtkern entwickelt, hat Doxiadis die Stadt entworfen, die nur in eine Richtung wächst und derart Schicht nach Schicht immer ein neues, nach menschlichen Maßen gebautes und den jeweils gewandelten Zeitansprüchen gerecht werdendes Gemeinschaftszentrum an das andere setzt.

Doxiadis kritisiert, daß die meisten Städtebauer bisher die "vierte Dimension", die "werdende Zeit", die alle ihre Pläne immer wieder umstoßen muß, entweder gar nicht oder ungenügend berücksichtigt hätten. Die an einer von ihm gegründeten und finanzierten Hochschule gelehrte Wissenschaft vom Leben, Weiterleben und überleben der Städte – er hat ihr den Namen Ekistiks gegeben – zieht heute schon Schuler aus ganz Europa, Asien, Afrika, ja, neuerdings sogar auch aus den USA nach Athen.

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