Von Joachim Joesten

Unser Mitarbeiter J. Joesten wollte sich auf seiner Reise durch die Zone vier der großen planwirtschaftlichen Projekte, vor allem auch den Stand ihrer Verwirklichung, vor Augen führen. Es ging ihm also nicht darum, die alltäglichen Schwierigkeiten des DDR-gesegneten Bürgers zu eruieren. Er betrachtete es auch nicht als seine Aufgabe, die großen volkswirtschaftlichen Kosten zu errechnen, die sich hinter dem kommunistischen "Fortschritt" verbergen. Wenn sich die Menschen drüben anstrengen – auch ohne parteibegeistert zu sein –, so einfach deshalb, weil man etwas schaffen will und immer noch hofft, nach einiger Zeit doch noch einmal von den Früchten der eigenen Arbeit genießen zu dürfen. Als Alternative zu dieser Einstellung gibt es nur die Flucht – oder die Resignation, und wir wollen doch alles daran setzen, daß unsere Mitbürger drüben nicht in Mutlosigkeit versinken und alle Hoffnungen auf besseres Leben verlieren müssen.

Weiter geht es, zum Endziel unserer Rundreise, nach Rostock. Dort sind zwei Besichtigungen vorgesehen, einmal auf der Warnowwerft, der größten des Landes, zum anderen in dem neuen Überseehafen, der drüben bald "unser Tor zur Welt", bald "Tor des Friedens" genannt wird.

Nach der Ankunft in Rostock geht es zuerst einmal hinaus zu unserem Hotel in der unmittelbar am Meer gelegenen Hafenstadt Warnemünde, die jetzt dem Stadtgebiet von Rostock angegliedert ist. Eine kürzlich fertiggestellte, breite Schnellstraße verbindet die beiden Ortschaften miteinander, so daß man die rund 12 km Entfernung in wenigen Minuten zurücklegen kann.

Die alte Universitätsstadt Rostock, der die Wut des letzten Krieges übel mitgespielt hatte, ist jetzt fast völlig wiederaufgebaut. Anders als in Berlin, Dresden, Karl-Marx-Stadt und sonstigen Städten der Republik, wo es galt, so schnell wie möglich durch industrielle Bauweise Neuwohnungen zu schaffen, ist in Rostock das Alte mit dem Neuen harmonisch verbunden. Die aus Trümmermaterial errichteten modernen Geschäfte, Gaststätten, öffentlichen Gebäude und Wohnungen, welche die Lange Straße in Rostock säumen, sind zumeist Backsteinbauten, im Stil der traditionellen Umgebung angepaßt und machen einen recht freundlichen Eindruck. Weitgestreckte Neubausiedlungen schließen sich dem wiedererstandenen Stadtkern an.

Das weithin sichtbare Kennzeichen der Warnowwerft ist die mächtige von Bleichert (Leipzig) gebaute und 1952–53 in Betrieb genommene Kabelkrananlage mit 24 Laufkatzen. Zur Zeit werden dort auf den vier Hellingen je ein Frachtschiff von 13 500 und 10 000 t sowie zwei Kohle-Erz-Frachter von 9500 t gebaut; die beiden letzteren sind für die Sowjetunion bestimmt.

Bisher sind auf der Warnowwerft insgesamt 32 Schiffe mit rund 300 000 BRT fertiggestellt worden, darunter 15 10 000-Tonner und ebenso viele 7500-Tonner. Zwei von diesen Schiffen wurden an die Chinesische Volksrepublik abgeliefert, segeln aber unter polnischer bzw. tschechischer Flagge, um ungestört die Straße von Formosa befahren zu können. Eines der jetzt in Bau befindlichen Schiffe ist für Kuba vorgemerkt.