Wie Baumwipfel im aufkommenden Wind schwanken seit einigen Wochen die Prognosen im westlichen Blätterwald zur Berlin-Krise. Man weiß, das Barometer zeigt aufkommenden Ostwind an, aber wird er sich zum Orkan auswachsen? Während sich der deutsche Urlauber an der Küste der Adria oder auf Mallorca von der Sonne des Südens bescheinen läßt, wird die Entscheidung reifen.

Die Rede des amerikanischen Präsidenten macht es deutlich: Man wartet im Westen jetzt nicht mehr darauf, was der Osten tun wird, um dann über die Reaktion zu beschließen; man ergreift selbst die Initiative: Erhöhung des Militäretats und der Truppenstärke. Ferner: schon in dieser Woche trifft in Paris jene Arbeitsgruppe der vier Westmächte – USA, Frankreich, England, Bundesrepublik – zusammen, die die Aufgabe hat, die gesamte politische, wirtschaftliche und militärische Planung des Westens durchzudenken. Das Ergebnis soll dann den Außenministern dieser Länder am 5. oder 6. August entscheidungsreif vorgelegt werden. Diplomaten sprechen von "hektischer Vorbereitung". Der Unterschied zu früherem Verhalten (oder Verharren auf den eingenommenen Positionen) liegt aber nicht nur im Tempo, das angeschlagen wird, er liegt auch in der Methode.

Arbeitsgruppen zur Berlin- und Deutschlandfrage hat es schon seit Jahren gegeben; sie kamen zusammen, berieten, analysierten die Lage, fertigten Studien und Vorschläge an. Immer bewegten sie sich dabei aber in der politischen Theorie. Die militärische Planung war ausgeklammert, war Sache der Stäbe, der Verteidigungsministerien, der NATO. Heute fließt alles in einer Gruppe zusammen.

Der Schlüssel zu dieser konzentrierten Aktionsbereitschaft lag in Kennedys Händen. Jetzt hat er sich entschlossen, ihn zu benutzen. Er selbst sagte, seine Entscheidung sei eine Folge des Berlin-Memorandums und der Chruschtschowschen Drohungen. Kennedy hat den Unterstaatssekretär Foy Kohler von allen anderen Pflichten befreit und ihm nur eine Sonderaufgabe gegeben, nämlich dafür, zu sorgen, daß der Westen bereit sei, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln jeder nur denkbaren Aktion des Ostens zu begegnen. Und zwar sofort zu begegnen; ohne Zeitverlust.

Begleitet vom politischen Berater und Planer Kennedys, Paul Nitze, der dieses Amt schon einmal unter Truman innehatte, wird Kohler auf das Tempo der Beratungen der Arbeitsgruppe drücken. (Die deutsche Delegation wird von Staatssekretär Carstens angeführt werden.) Die militärischen Pläne werden bereits von der NATO überprüft. Zum erstenmal, seitdem Moskau mit den Nerven der freien Welt spielt, wird ein Bündel von Gegenmaßnahmen rechtzeitig ausgearbeitet, ein "Paket", das jederzeit aufgeschnürt werden kann.

Daß Kennedy solange gezögert hat, den scharfen Kurs einzuschlagen, hat mancherorts Verwunderung und besorgtes Kopfschütteln hervorgerufen. Man war bisher der Meinung, der neue Präsident nähme sich Zeit, um sich in seinen weltweiten Aufgabenkreis einzuarbeiten, man dachte, er hätte wohl auch den persönlichen Kontakt mit Chruschtschow abwarten wollen, ehe er seiner Politik den endgültigen Schliff gab. Viele Beobachter in Amerika glauben jetzt aber, er habe bewußt abgewartet, bis die öffentliche Meinung der USA reif sei für einen "harten Kurs", der auch militärische Maßnahmen einschließt und dem verschlafensten Wohlstandsbürger den Ernst der Situation zeigt.

Sie haben es satt