Von David Brossen

Es war ein nationales Trauma, dem ich mich gegenüberfand, als ich in fünfzehn Antiquariaten in einem halben Dutzend deutscher Städte nach einem Exemplar von "Mein Kampf" fragte. Kurz nach meiner Ankunft in Köln stellte ich meine Frage das erste Mal. Die beiden Kunden, die in dem Laden herumschmökerten, als ich eintrat, wurden starr, und der Verkäufer, dessen Freundlichkeit sich sogleich in Eis verwandelte, erklärte mir mit Nachdruck: "Das. führen wir nicht." Seine Worte sollten sitzen, und eilig machte ich mich aus dem Staub.

Da ich jedoch nicht so leicht aufgebe, stellte ich die gleiche Frage in vielen anderen Städten: in Köln, Düsseldorf, Hamburg, Berlin, Weimar und Frankfurt. In Hamburg gab mir eine empörte alte Frau in einer malerischen Buchhandlung mit unmißverständlicher Schärfe zu verstehen, daß sie ihrerseits etwas dazugelernt und keine Sympathie für Leute wie mich übrig habe. In einer Buchhandlung ein Stück weiter drehte mir ein älterer Verkäufer, dessen faltenloser rechter Schuh die Prothese verriet, kurzerhand den Rücken zu und würdigte mich keiner Antwort.

In einem kleinen dunklen Düsseldorfer Laden, dessen Schaufenster voller Kriegsmemoiren stand, warf mir die Inhaberin, eine stille Matrone in den Fünfzigern, einen kurzen Blick zu, bemerkte, daß sie einmal nachsehen müsse, wühlte in ein paar unordentlichen Regalen hinter einem Vorhang und kam mit leeren Händen zurück.

Meine wachsende Befangenheit nach mehreren Fehlschlägen dieser Art veranlaßte mich, meine Frage mit der Erklärung vorzubereiten, daß ich an "Mein Kampf" nur forschungshalber interessiert sei. Das schien den strammen Herrn in Hamburg, dessen Sächsisch ihn als Sowjetzonenflüchtling auswies, jedoch nicht weiter zu beeindrucken. Im Ton einer Zurechtweisung setzte er mir auseinander, daß es ungesetzlich sei, dergleichen Literatur zu verkaufen, daß er jedes Exemplar, welches ihm in die Hände komme, unverzüglich an das Historische Seminar der Universität weiterleite – und dahin solle auch ich gehen. Ich verließ, ihn mit dem deutlichen Eindruck, daß er mich für einen Spitzel hielt.

Es gibt viele Arten von Antiquaren. Im Unterschied zu Köchen und Bäckern scheinen manche von ihnen sich in ihren Waren nicht auszukennen. In Berlin jedoch gelang es mir, die Bekanntschaft eines kultivierten Mannes vom Fach zu machen, der sich nicht nur in der deutschen Literatur dieses Jahrhunderts umgetan hatte, sondern sogar in dem dunklen Forschungsgebiet bewandert war, das mich nach Europa geführt hatte. Ich suchte Herrn Polgars Laden mehrmals auf und kaufte ihm einen ganzen Stapel Bücher ab. Dann stellte ich die unvermeidliche Frage. Er erwiderte freundlich, daß er mir gern ein Exemplar schenken würde, wenn es bei ihm auftauchen sollte; verdienen wolle er daran nichts. "Manchmal kommt ein Flüchtling aus der russischen Zone mit dem Buch unter dem Arm zu mir", sagte er, "weil er glaubt, er würde dafür eine Menge Geld bekommen." Wie viele andere Deutsche, wenn sie mit Ausländern zu tun haben, sprach auch Herr Polgar von der Notwendigkeit, die Vergangenheit zu bewältigen. "Berlin war niemals sehr begeistert für Hitler", meinte er. "In meinem Beruf konnte ich frühzeitig sehen, was der Nationalsozialismus im kulturellen Leben anrichtete. Unsere größten Schriftsteller verließen allesamt das Land. Ich hatte von Anfang an nichts für Hitler übrig, aber wie viele andere glaubte ich, daß sich das Blatt wenden und er innerhalb von sechs Monaten wieder ausgebootet würde."

Aber weder jetzt noch später konnte er mir das gesuchte Buch beschaffen.