J. B., Wien, im Juli

In Österreich sind die Löhne und Preise wieder

in Bewegung gekommen. Die Bruttoverdienste der Wiener Arbeiter sind um etwa 9 vH höher als vor einem Jahr. In einer Reihe wichtiger Wirtschaftszweige (Baugewerbe, Forstwirtschaft, Holzverarbeitung, Handel) sind in den letzten zwei Monaten neue Lohnerhöhungen um 8–10 vH und gelegentlich auch darüber erfolgt. Die Lohnexpansion geht über die Preiserhöhungen hinaus, auch wenn man die Preissteigerung höher ansetzt, als sie der Verbraucherindex anzeigt, der im Juni um 3,7 vH über dem Vorjahr und um 8,3 vH über 1958 lag. Besonders unangenehm ist die Steigerung der Baukosten, wobei die astronomisch hohen Grundstückspreise in den großen Städten langsam auch den finanzkräftigen Mittelstand mit seiner Bauwilligkeit in Verlegenheit bringen. In den inneren Bezirken der Stadt Wien zahlt man heute Spitzenpreise von 8.000 S für den Quadratmeter Eigentumswohnung!

Die Bilanzen der großen Unternehmen von 1960 weisen zwar in der Regel noch einen Ausgleich der Kostenerhöhungen durch Rationalisierung aus, aber man deutet durchaus glaubwürdig an, daß neue Lohnerhöhungen und Preisaufschläge für Betriebsstoffe (die inzwischen eingetreten sind) auch zu höheren Notierungen für die eigenen Erzeugnisse führen müssen.

In der geichen Zeit hat sich der Zuwachs an Spareinlagen bei den Geldinstituten aller Gruppen verlangsamt. Demgegenüber ist die Kreditnachfrage gestiegen und die bis Anfang 1959 zu verzeichnende Liquidität bei Unternehmen und Banken ist stark zurückgegangen. Die Investitionsfreudigkeit der Wirtschaft ist groß und zum Teil sehr begründet durch die Vorbereitungen auf einen größer ren Markt, nachdem man das Fiasko der EFTA allgemein erkannt hat und höchstens noch über den Termin die Meinungen auseinandergehen. Die von der Industrie für den Fall einer Assoziierung mit der EWG verlangten Sonderbedingungen werden sich nicht realisieren lassen und so macht man sich denn allgemein auf einen härteren Konkurrenzkampf gefaßt und versucht, dafür durch Investitionen gute Voraussetzungen zu schaffen. Die Selbstfinanzierung reicht in vielen Zweigen nicht aus; die Banken können nicht mehr der Kreditnachfrage entsprechen. Einzelne Aktiengesellschaften sind bemüht, durch Emission von Wandelanleihen oder Erhöhung des Aktienkapitals zusätzliche Mittel zu beschaffen. Diese Entwicklung ist angesichts der seit Kriegsende bestehenden Ignorierung des Kapitalmarktes nur zu begrüßen.

Damit erhalten aber der Staat und die Energiewirtschaft, die bisher mit ihren Anleihen die Alleinabschöpfer der Kapitalbildung waren, ernsthafte Konkurrenten. Wie man bei dieser Entwicklung die auf etwa zwei Milliarden geschätzten Anleihewünsche des Bundes, öffentlicher Stellen und der Energiewirtschaft bis Jahresende befriedigen will, ist eine bange Frage; denn die Geldinstitute sind nicht mehr so liquide, daß sie die vom Publikum nicht aufgenommenen Anleihen in jeder Menge verkraften können. Die Meisterung aller dieser Aufgaben und insbesondere eine neue Begrenzung des Lohn-Preis-Auftriebes läßt für den Herbst mancherlei innenpolitische Schwierigkeiten erwarten, auch wenn die Weltpolitik keine zusätzlichen Beunruhigungen schaffen sollte.