Es lohnt sich, FDP zu wählen, schon deshalb, weil das von Theodor Eschenburg für die Bundesrepublik herbeigewünschte Zwei-Parteien-System zur Natur der deutschen Parteien nicht paßt. Diese Parteien stellen in sich bereits Koalitionen dar: CDU = Zentrum und Deutschnationale (etwa der Oberfohren-Richtung), SPD – Sozialdemokraten und USPD; FDP = Demokraten und Deutsche Volkspartei. Eschenburg hat an anderer Stelle gesagt, "vom Institutionellen her" würde es höchste Zeit, daß die Opposition nach drei Legislaturperioden die gegenwärtige Regierung ablöse. Der Wähler wird ihm seinen "institutionellen" Wunsch nicht erfüllen. Denn die Alternative bei dieser Wahl lautet: absolute Mehrheit der CDU oder Koalition CDU/FDP.

Weil die FDP für ihre präsumptive Wählerschaft diesmal die klare Parole ausgab, der CDU die absolute Mehrheit abzujagen, um die Voraussetzung für eine echte Partnerschaft zu schaffen, bietet sie überhaupt die Chance für eine gewisse Alternative. Hätte die FDP die Ablösung der CDU-Regierung durch die gegenwärtige Opposition SPD/FDP propagiert, würde sich das Wahlergebnis vom 17. September 1961 von dem vor vier Jahren kaum unterscheiden...

Die Frage "Lohnt es sich, FDP zu wählen?" darf nicht vom Extremfall, vom Koalitionsbruch her beurteilt, sondern muß in der normalen Koalitionspraxis gewürdigt werden. Wie glücklich schätzte sich Erhard, wenn er im Kabinett und im Parlament durch freie Demokraten eine stärkere Stütze für sich wüßte; ein Mann wie Gerstenmaier könnte sich viel besser entfalten; der Gewerkschaftsflügel der CDU würde im Gewicht relativiert, und der evangelische Arbeitskreis der CDU gewönne von außen Hilfe in seiner Isolierung.

Eine Regierung – um die Aufschlüsselung des Eingangs noch einmal anzuwenden –, die gegenwärtig vom "Zentrum" bestimmt wird, wiche einer Koalition, in der mutatis mutandis "Deutschnationale" (etwa der Oberfohren-Richtung), "Deutsche Volkspartei" und "Demokraten" dem "Zentrum" wenigstens die Waage hielten. Darin erblicken mit mir sehr viele Wähler ein lohnendes Ziel. So betrachtet, erweisen sich "Annex" und "Blankovollmacht" als nichts anderes wie Schreckgespenster, ebenso wie der angebliche Mangel an "Ministrablen", die doch erst im Regierungsamt erprobt werden können.

Harald Eschenburg, Kiel

Nach der harten Kritik, die Professor Eschenburg seit Jahren an dem Parteienstaat als solchem und an allen Parteien übt, mußte die Frage, die er dem Leser der "ZEIT" zu beantworten hat, eigentlich lauten: "Lohnt es sich, zu wählen?" Stattdessen übt er nun seinen Scharfsinn an der Frage, ob es für die FDP künftig möglich sein wird, ohne Aufkündigung einer Koalition mit der CDU eine Satellitenrolle gegenüber der größeren Partnerin zu vermeiden.

Die Antwort ist einfach. Drei Beispiele boten sich im Schlußstadium der Bundestagssession an: die CDU/CSU erzwang mit ihrer absoluten Mehrheit in einer Art Torschlußpanik die Verabschiedung von drei Gesetzen, nämlich die Erschwerung der Ehescheidung und die Konfessionalisierung von Jugendwohlfahrt und Sozialhilfe zu Lasten der Gemeindeverbände. Wenn der 17. September diese Majorität beseitigt, kann die FDP in Zukunft den Sieg derartiger antiliberaler Tendenzen verhindern.