Zum erstenmal wurden Weltmeisterschaften im Fechten durch das Fernsehen übertragen. Wie nicht anders zu erwarten, wurde vor dem entscheidenden Gefecht von Heidi Schmid aus Augsburg, das ihr den Weltmeistertitel sicherte, abgeschaltet. Aber der Blick in den palazzo del Sport in Turin allein war schon hinreißend. Diese von Nervosität erfüllte Atmosphäre, das genaue Prüfen des elektrischen Floretts, das lauernde Spiel der Klingen, plötzlich durchbrochen von der Attacke, oft mit einem gellenden Schrei, in dem sich die aufgestaute Spannung entlädt. Und schließlich der Treffer, der so blitzschnell kommt, daß ihn das Auge des Ungeübten nicht mehr erkennen kann.

Und doch ist das Florett-Fechten eine jener wenigen Sportarten, bei denen die Technik nicht mehr so schillernd, das Repertoire nicht mehr so fintenreich und die Taktik nicht mehr so geistvoll ist wie zur Zeit eines Erwin Casmir und einer Helene Mayer Beide entstammten der Frankfurt-Offenbacher Schule, die auf eine italienische Tradition zurückging. Denn es waren Italiener, die in Frankfurt und Offenbach unterrichteten.

Die Ursachen für die Tatsache, daß die heutige Technik und Taktik so vereinfacht sind, ist schnell gesagt: Durch die Einführung der elektrischen Trefferanzeige ist die Waffe erheblich schwerer geworden. Es liegt nahe, damit das Vordringen der Ostblock-Fechter zu erklären. Denn überall, wo im Sport mit Bienenfleiß, mit unermüdlicher Arbeit etwas, zu erreichen ist, sind die Sportler des Ostens dann ja in ihrem Element. Dabei soll ihnen die sportliche Begabung keinesfalls abgesprochen werden.

Heidi Schmid aus Augsburg erhielt von der sachverständigen italienischen Presse ein Lob für die höchste Schönheit des Stils. Gepriesen wurde vor allem, wie sie bei einer Attacke mit einem geradezu vollkommenen Gefühl für Zeitmaß parierte. Vielleicht ist hier eine Begabung wirksam, die es erklärt, daß die Fecht-Weltmeisterin Musik studiert. Übrigens, auch beim Fechten geht es nicht ohne die tägliche Lektion, die gepaukt werden muß. Selbst eine Helene Mayer trainierte schon Tag für Tag. Hier, wo es auf die traumhaft sichere Beherrschung der Technik, auf die "automatisierte" Koordination bestimmter Bewegungsformen ankommt, die in Variationen oft blitzschnell verknüpft werden, ist tägliche Übung unumgänglich.

Der Ausspruch des Klaviervirtuosen Rubinstein; "Übe ich einen Tag nicht, merke ich es. Übe ich zwei Tage nicht, merken es meine Freunde, übe ich drei Tage nicht, merkt es das Publikum" – gilt auch fürs Fechten. Die Anhänger der alten Schule beklagen hier – wie beim Tennis, das man auch als eine Art Zwei-Kampf auffassen kann – den Verlust an spielerischer Anmut und geistvoller Taktik. Aber auch die moderne Fechtkunst hat ihre eigene Schönheit. Was das Gefecht an Eleganz verlor, hat die Einzelaktion an Rasanz gewonnen.

Adolf Metzner