Am 12. April veröffentlichte die Prawda ein Dekret, das die Koordinierung von reiner und angewandter wissenschaftlicher Arbeit unter Aufsicht des Ministerrats in der Sowjetunion verfügte. Unter anderem wurde darin auch die sowjetische Akademie der Wissenschaften scharf kritisiert: Unvertretbare Mehrgleisigkeit in der Forschung und sinnloser Verschleiß von Menschen und Material. Dieser aufsehenerregende Tadel ging damals unter in der Begeisterung über Gagarin, der just an jenem Tage die sowjetische Forschung und Technologie zum höchsten Triumph geführt hatte.

Erst als einen Monat später bekannt wurde, daß die sowjetische Akademie der Wissenschaften den Mathematiker Mstislaw Keldysch zu ihrem Präsidenten gewählt hatte, fand diese Nachricht viel Beachtung. Zwar hieß es, daß Keldysch nach Ablauf, der zweiten Amtsperiode des bisherigen Präsidenten Nesmejanow und auf dessen Vorschlag hin in das hohe Amt gewählt worden sei, aber so ganz stimmt die Rechnung nicht. Nesmejanows Amtsperiode hätte von Rechts wegen bis Oktober dauern müssen.

Es war nicht das erstemal, daß die Moskauer Akademie der Wissenschaften scharfe Kritik hinnehmen mußte. Diese älteste wissenschaftliche Institution Rußlands – sie wurde 1724 gegründet – überstand zunächst die Stürme . der Oktoberrevolution. Ihr Anliegen blieb die Förderung der theoretischen Forschung in zwei Disziplinen, einer mathematisch-naturwissenschaftlichen und einer geisteswissenschaftlichen. Erst gegen Ende der zwanziger Jahre wurde die Forderung der Partei nach handfesten, anwendbaren Resultaten so stark, daß sich die Akademie gezwungen sah, dem Druck nachzugeben. Zunächst wurden ihr Spezialinstitute für angewandte Forschung und schließlich 1935 eine ingenieur-wissenschaftliche Disziplin angegliedert. Heute widmen sich 50 der 603 Forschungsinstitute der sowjetischen Akademie den Ingenieur-Wissenschaften. Und von ihren 39 000 Forschern sind rund ein Fünftel in jenen Spezialinstituten beschäftigt.

Obwohl dieses Verhältnis noch nicht dem Gesamtbild sowjetischer Forschung entspricht – ein Drittel der 200 000 Wissenschaftler sind auf technischem Gebiet tätig –, muß doch die Verlagerung des Gewichts auf die praktischen Fächer als ein Sieg der Partei gelten. Aber eben die Partei ist es, die diesen von ihr herbeigeführten Zustand nun wieder bemängelt. Man hat erkannt, daß die sowjetische Wissenschaft auf die Ergebnisse der Grundlagenforschung aus dem Ausland angewiesen ist. So war es denn auch Chruschtschow selbst, der sich schon vor fünf Jahren darüber beklagte, daß die Akademie sich in ihrer Arbeit zu sehr verzettele und die theoretischen Grundlagen vernachlässige.

Das Dekret vom 12. April hat jetzt die Abtrennung der angewandten Spezialwissenschaften von der Akademie verfügt. Ihr eifrigster Advokat, der langjährige Präsident Nesmejanow, mußte – oder wollte vielleicht auch nur – gehen, und ausgerechnet Keldysch soll sie durchführen, ein Mann, der sich sowohl in der mathematischen und physikalischen Theorie hervorgetan hat als auch in der Entwicklung höchst praktischer Dinge – er erfand ein Motorboot mit Unterwasserflügeln und ein verbessertes Fahrgestell für Flugzeuge.

Mstislaw Keldysch, "Held der sozialistischen Arbeit", Inhaber von fünf Lenin-Orden und drei Orden des "Roten Arbeitsbanners", zweifacher Stalin-Preisträger und Parteimitglied seit zwölf Jahren, bringt reiche organisatorische Erfahrung mit. Vielleicht hat bei seiner Wahl auch die Tatsache eine Rolle gespielt, daß er an zahlreichen militärischen Forschungsprojekten mitgearbeitet hat. In der sonst so konservativen Hierarchie dieser Akademie avancierte er erstaunlich schnell – verdientermaßen, denn der 50jährige Professor gehört zu den führenden Köpfen der wissenschaftlichen Welt.

Thomas von Randow