Von Paul Sethe

In den zwanziger Jahren sahen die Deutschen die Gestalt des Geheimrats von Holstein in düstere Schatten getaucht. Noch aus dem Grabe erwies sich der Haß Bismarcks gegen den „Judas“ als übermächtig. Auch die Erinnerungen von Holsteins Mitarbeitern zeichneten das Bild der „Grauen Eminenz“, des krankhaften Sonderlings, des fahrlässigen Landesverräters.

Die unbestechliche’ Arbeit der Forschung hat seitdem manches Dunkel der Übermalung entfernt. Nicht mehr auszulöschen freilich ist die Tatsache, daß sein Rat für die kaiserliche Außenpolitik vielfach schädlich, ja unheilvoll gewesen war. Wie er Bismarck nicht verstand, so verstand er auch Großbritannien nicht. Aber seine menschliche Gestalt erscheint heute lichter als vor einem Menschenalter. Die gespenstigen Züge sind ihr genommen. Holstein war „keine E. T. A. Hoffmann-, sondern eine Fontane-Gestalt“. Vor allem: Er war ein Patriot. Seine Sorgen galten dem Reich, nicht seiner Person.

Den wesentlichsten Beitrag bei dieser Aufhellung der Wahrheit haben wohl die Briten Norman Rish und M. H. Fisher und der Deutsche Werner Frauendienst geleistet, die seit einigen Jahren „Die geheimen Papiere Friedrich von Holsteins“ herausgeben. Soeben ist der dritte Band erschienen, der den Briefwechsel mit Holstein von 1861 bis 1896 enthält (im Musterschmidt-Verlag, Göttingen, Berlin und Frankfurt, in Leinen 60 Mark, 549 Seiten).

Es muß leider gesagt werden, daß die Lektüre den Leser nicht so fesselt wie die der ersten beiden Bände. Das liegt daran, daß die meisten der veröffentlichten Briefe nicht von Holstein, sondern an ihn geschrieben sind. Dazu enthalten sie fast alle Einzelheiten über Vorgänge, zu denen heute der geistige Zugang schwierig ist. Für den Fachhistoriker werden die Bemerkungen der Eingeweihten zu der ägyptischen, der fernöstlichen, der – lippischen Krise immer eine Fundgrube der Erkenntnis bleiben; der historisch interessierte Laie aber wird die gescheiten, die geistreichen und auch die boshaften Bemerkungen Holsteins über Personen und Zustände des Kaiserreichs vermissen, die er in den ersten beiden Bänden fand.

Er wird entschädigt, wenn er zwischen den Berichten über Abdul Hamid und Lord Salisbury immer wieder einen Blick auf die lebendigen Menschen werfen kann, ohne deren Wesenheit das Schicksal der Staaten nicht zu begreifen ist. Gleich am Anfang findet er die Briefe des Vaters Holstein an seinen jungen Sohn, den „Herzensjungen“ Friedrich, der als Attaché in Petersburg unter Bismarck arbeitete. Der alte Holstein hatte nicht gern gesehen, daß sein Sohn Diplomat geworden war, und seine eigentlichen Wünsche enthüllte er auf entwaffnend offene Weise. Holstein, dem es an melancholisch-heiterer Selbsterkenntnis nicht fehlte, wird später nicht ohne Rührung in den Briefen geblättert haben.

Der alte Holstein muß die Schwächen seines Sohnes genau gekannt haben, und manche seiner Warnungen müssen dem Sohn später prophetisch geklungen haben. Er warnt ihn davor, nur eine Arbeitsmaschine zu sein, er rät ihm, auch Geselligkeit zu suchen, nicht nur zum Vergnügen, sondern um des Berufes willen. Wäre Holstein den Vorschlägen seines Vaters gefolgt, hätte er die Menschen ein wenig besser und die Akten vielleicht nicht ganz so gut gekannt – wer weiß, ob nicht das Schicksal des Reiches anders verlaufen wäre? Aber niemand vermag gegen seine Natur zu handeln. Zehn Jahre, nachdem diese Briefe geschrieben waren, lag der Charakter Holsteins fest: der Charakter eines zum ewigen Junggesellentum verurteilten, vermögenslosen, das Leben der Gesellschaft fliehenden, in seinen Akten und Briefen vergrabenen Beamten.