Wahlkampfreise mit Willy Brandt – "Der Mann macht sich kaputt"

Von Rolf Zundel

Margaretshöchheim, im August Tempo hundert", rief Reisemarschall Adrian, als der Ausgang des Dorfes erreicht war. Mit knirschendem Getriebe und heulendem Motor nahm der rote Lautsprecherwagen die nächste Kurve. Dahinter folgte die Kolonne der Wagen, an der Spitze ein cremefarbener, offener Mercedes mit rotem Lederpolster, darin Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt: der Kanzlerkandidat der SPD auf Deutschlandreise.

"Tempo hundert" – so lautet das ungeschriebene Gesetz für die Wahlkampfreise Willy Brandts. Es gilt vom Morgen, wenn sich die Kolonne gegen 9 Uhr in Bewegung setzt, bis zum späten Abend, wenn sie zwischen 22 Uhr und Mitternacht – und manchmal noch später – am Etappenziel eintrifft. Dies Gesetz trat im Mai schon in Kraft, am ersten Tag der Deutschlandfahrt, und es behält auch die letzten 40 Tage des Wahlkampfes seine Gültigkeit. Mit "Tempo hundert" hofft Willy Brandt, das Rennen um die Gunst der Wähler zu gewinnen.

Beschaulich und geruhsam liegt das Dorf Margaretshöchheim mitten zwischen Obstbäumen. Mild schimmert der Main in der Morgensonne durch die Weiden. Tempo hundert? Hier rechnet man noch in Jahreszeiten: im Frühjahr die Aussaat, im Herbst die Ernte. Auf dem Dorfplatz sammeln sich erwartungsvoll die Leute. Blasmusiker in roten Westen und weißen Hemden stellen sich gemächlich auf. Die blankgeputzten Instrumente glänzen. Der Bürgermeister schart die Honoratioren um sich, an die Kinder werden Berliner Fähnchen verteilt. Aber alles geschieht geruhsam, ohne Hast.

Plötzlich Bewegung unter den Menschen, Köpfedrehen: "Er kommt." Ein Spalier bildet sich. Kinder drängen sich zwischen den Beinen der Erwachsenen hindurch. Braungebrannt, lächelnd schreitet der Kanzlerkandidat der SPD zum Podium. Ein kleines Mädchen sagt einen Vers auf und überreicht einen Blumenstrauß. Der Bürgermeister begrüßt den Gast in wohl einstudierten Worten.

Etwa 200 Menschen mögen es sein, die hier zusammengekommen sind. Sozialdemokraten, die sich ermutigen und anfeuern lassen wollen, Neugierige, die einmal den Oppositionsführer sehen möchten – oder zieht sie der Berliner Bürgermeister an? – und ein paar politische Gegner mit deutlich skeptischem Gesicht.