C. M., Berlin

Vor dem Bahnhof Zoo in Westberlin steht ein junger Mann mit einem großem Plakat: Bezahlst Du noch Ulbrichts Stacheldraht? Noch andere Plakate mahnen eindringlich, die Berliner Stadt-Bahn zu meiden und damit kein Westgeld mehr an die Regierung der „DDR“ zu geben.

„Wir haben viel Erfolg mit unserer Aktion“, erzählt er. Viele Züge fahren – auch während der Haupverkehrszeiten – fast leer in den Berliner Westsektoren. Die Wagen, die in den Ostsektor Berlins rollen – bis zum Bahnhof Friedrichstraße –, sind ja ohnehin seit der Verschärfung der Kontrollen durch die „Vopo“ und seit der Abschnürung Westberlins fast leer. Die über die Schließung der Sektorengrenzen empörten Westberliner gaben dem Deutschen Gewerkschaftsbund recht, als er vor einigen Tagen zu einem Boykott der S-Bahn aufrief. Die Berliner Stadt-Bahn wird von der ostzonalen „Reichsbahn“ verwaltet. Ihr untersteht auch das gesamte Bahngelände in den Westsektoren.

„Kein Westberliner fährt mehr mit der S-Bahn“, so lautet also die Parole. Ehrenamtliche Helfer haben in der Halle und an den Fahrkartenschaltern des Bahnhofs Zoo Stellung bezogen: Sie suchen die Schalter zu blockieren und diskutieren mit den Reisenden. So herrscht nun ein größeres Gedränge in der Bahnhofshalle als in den Zügen. Die fast leeren Wagen und die Aussicht, daß dieser Streik sich auch noch auf die anderen Bahnhöfe ausdehnen soll, zwangen die Direktion im Ostsektor zu einer Stellungnahme: Sie versprach, die S-Bahn noch sicherer, schöner und schneller zu „gestalten“.

Bei solchen Hinweisen erinnern sich die Berliner allerdings an die vielen, wenn auch nur kleinen „Unfälle“ – wie Entgleisungen, Stromausfälle und Verspätungen. Des Übels Kern liegt bei den technischen Anlagen, die noch heute auf dem Stand von 1939 zurückgeblieben sind. Und über die vermeintliche „Schönheit“ läßt sich nur soviel sagen: Auch die Ostberliner warten noch immer, daß die neuen Züge eingesetzt werden, deren Musterexemplar anläßlich des „10. Jahrestages der DDR“ im Jahre 1959 Unter den Linden ausgestellt worden war.

Die Berliner Verkehrs-Betriebe (BVG) haben bereits beschlossen, neue Omnibuslinien einzurichten, um der S-Bahn Konkurrenz zu machen.