Momentaufnahmen im Wahljahr: Willy Brandt / Von walter Gong

18. August, 14 Uhr. Willy Brandts Fahrer wartet am falschen Ausgang des Bundestages. Die Sondersitzung ist vorbei; der Regierende Bürgermeister von Berlin hat seine Rede gehalten – und es war eine harte und eine gute Rede. Viermal hatte sie den einmütigen Beifall des Hauses – von rechts nach links – ausgelöst, öfter und stärker war der Beifall als bei der Erklärung des Bundeskanzlers. Nun macht sich Willy Brandt auf die Suche nach seinem Wagen durch ein Spalier von Leuten: Sie applaudieren und rufen „Bravo, Willy!“ Er aber geht gesenkten Hauptes, mit abwesendem Blick, ohne sein berühmtes Lächeln. Kaum sinkt er in die Polster seines Wagens, da schlägt er schon brüsk eine Zeitung auf und verdirbt den herbeistürzenden Pressephotographen ihr Motiv. Unter der Sonnenbräune liegen Schatten der Erschöpfung.

„Warum haben Sie so gar nicht auf den Beifall der Menschen reagiert?“ frage ich den Bürgermeister von Berlin und Spitzenkandidaten der SPD im Bonner „Haus Berlin“. „Das ist doch sonst nicht Ihre Art. Können Sie sich das im Wahlkampf eigentlich leisten?“

Brandt schwenkt das Eis im Whiskyglas. Es klimpert leise. „Wissen Sie, ich glaube, die Zeit ist nicht danach, Applaus einzustecken und für Ovationen zu danken. Als ich am 13. August zum Potsdamer Platz kam, applaudierten die Leute auch und riefen mir allerhand zu. Da habe ich gesagt: Kinder, laßt das sein!“

Soll man, darf man den Kanzleranwärter der SPD trotz der Beton- und Stacheldrahtsperren in Berlin fragen, wie er sich den weiteren Wahlkampf vorstellt? Ich frage. Die Antwort kommt langsam und überlegt über seine Lippen: „Ich habe den Wahlkampf praktisch abgeblasen. Für mich gibt es keinen Wahlkampf mehr; für mich gibt es nur noch den Kampf um Berlin. Höchstens einen Tag in der Woche werde ich mir für Wahlversammlungen freihalten – und die werden Berlin gewidmet sein, oder besser gesagt, dem deutschen Schicksal. Es ist mir egal, ob mir das bei den Wählern nützt oder schadet. Gewiß, das Pendel kann so oder so ausschlagen. Vielleicht werden einige sagen: Nun dürfen wir erst recht unseren verehrten Herrn Bundeskanzler nicht im Stich lassen – der wird schon wissen, was in dieser Krise zu tun ist...“

Nebenan schrillen die Telephone, Fernschreiben werden gebracht, es ist viel Bewegung im „Haus Berlin“. Aber Willy Brandt braucht offensichtlich eine Atempause. Er plaudert weiter. „Ich habe immer Pech mit ersten Malen. Als ich zum erstenmal ein Buch geschrieben hatte und es auch gedruckt sah – es war am 8. April 1940 in Oslo –, fühlte ich mich als Autor. Am 9. April rückten in Norwegen die Deutschen ein, und aus war der Zauber. Am 12. August 1961 glaubte ich, zum erstenmal seit Monaten ausschlafen zu können; seit Mai habe ich die Bundesrepublik abgeackert und 15 bis 20mal am Tage vor den Wählern gesprochen. Zum erstenmal brauchte ich nicht mehr mit dem Auto durchs Land zu fahren; wir hatten einen Sonderwagen der Bundesbahn; ich freute mich auf den Schlaf. Um 1/2 5 Uhr morgens am 13. August weckt mich in Hannover ein Beamter der niedersächsischen Regierung und berichtet mir über Berlin. Da habe ich erst mal etwas sehr Kräftiges gesagt und dann: Nun ist aber der Ulbricht bei mir endgültig abgemeldet. Wenn der mich nicht mal ausschlafen läßt!“

Der heitere Augenblick ist rasch verflogen, Brandt versucht, die Berliner Situation zu analysieren: „Niemand weiß, wohin die psychologische Situation der Deutschen ausschlagen wird. In Ostberlin und der Zone herrscht Haß und dumpfe Verzweiflung. Für die Westberliner hat sich die Wirklichkeit des Lebens von einem Tag zum anderen grundlegend verändert. Diese Menschen haben doch von einer Hoffnung gelebt – eines Tages werden wir wieder Hauptstadt – und nun ... Weiß man das eigentlich? Westberlin hat mehr Einwohner als viele Mitgliedstaaten der UNO. Warum appellieren wir nicht an die Vereinten Nationen? Warum reden wir dauernd drum herum – um das Problem, mit dem sich die Welt befassen muß, das ihr auf der Haut brennt? Was geschah, um die Krise abzuwenden? Nichts! Und was geschieht jetzt? Wiederum nichts!“