Oslo, im August

Ihr Europäer nehmt so vieles für selbstverständlich“, sagte unsere kleine japanische Diskussionsleiterin, Dozentin der Universität Tokio, mit der Elfenbeinhaut und den winzigen Händen. „Können Sie nicht verstehen, daß nichts im Leben selbstverständlich ist? Liegt es daran, weil Sie eine andere Geschichte haben als wir?“

Wir saßen in einem der schönen Gesellschaftsräume in dem funkelnagelneuen Matrosenheim „Leangkollen“, eine Autostunde von Oslo entfernt, um ein prasselndes Holzfeuer. Fünf Tage lang tagte hier ein Internationales Seminar, das von der 1915 von der Amerikanerin Jane Addams gegründeten „Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit“ arrangiert wurde und finanzielle Unterstützung vom norwegischen Nobel-Komitee, vom norwegischen Außenamt und von der Unesco in Paris erhielt. Zwanzig Nationen waren vertreten, darunter Indien, Japan, Südkorea und einige der jungen afrikanischen Staaten. Das Diskussionsthema lautete: „Ist ein kulturelles Zusammenleben zwischen Ost und West möglich?“

Die Diskussionen erstreckten sich vom Sklavenhandel bis zu den vielumstrittenen Kernwaffenversuchen, von den Friedensbewegungen in den einzelnen Ländern bis zu den Vorzügen und Nachteilen der Vereinten Nationen. Diskussionssprache war Englisch – vielleicht ist es noch immer die beste Diskussionssprache, weil sie Sachlichkeit und Höflichkeit unter den Teilnehmern fördert. Japan und Südkorea waren auch deshalb dafür, weil die englische Sprache für Ostasiaten am leichtesten zu erlernen sei.

Alle Teilnehmer beklagten sich über die Vorurteile, die „Friedensbewegungen“ in den einzelnen Ländern entgegengebracht werden. Eine Delegierte aus England erklärte, daß die Friedensbewegung in Großbritannien zwar nicht verboten sei, daß sie sich aber doch keiner Beliebtheit erfreue. Pazifistisch eingestellte Leute würden als Kommunisten oder Sonderlinge klassifiziert. In Südkorea ist die Friedensbewegung verboten. In Japan ist sie erlaubt, wird aber skeptisch betrachtet. In Norwegen wird sie manchmal als kommunistische Spielerei bezeichnet. Selbst in Schweden, dem Lande Alfred Nobels und vieler anderer Männer und Frauen, die ihr Lebenswerk der Friedensidee widmeten, herrscht Mißtrauen. Ein schwedischer Student erklärte, man müsse immer wieder betonen, daß der Friedensverband, dem man angehöre, nichts mit Kommunismus zu tun habe.

Von asiatischer und afrikanischer Seite wurde auf dieser Tagung an den Europäern heftig Kritik geübt. Doktor Sushila Nayar, einst Leibärztin von Mahatma Ghandi, jetzt Mitglied des Parlaments von Pandit Nehru, hielt drei brillante Vorträge, in denen sie leidenschaftlich und doch nicht ohne Humor, begleitet von dem schallenden Gelächter der nichteuropäischen Kongreßteilnehmer, die Kolonialherrschaft der Engländer, die Missionen in Indien (die Bibel in der einen Hand, die Bierflasche in der anderen) und den europäischen Charakter schilderte: den „Lärm um nichts“, die Rastlosigkeit, die Gier nach materiellen Gütern, die allzu sachliche Einstellung, den Mangel an Herz.

Fujiko Isono, die sympathische Japanerin, kritisierte am europäischen Menschen vor allem seinen Widerspruch zwischen theoretischem Erkennen und praktischem Handeln. Die Europäer bekennen sich zur christlichen Lehre – aber handeln sie als Christen? Warum besteht ein solcher Widerspruch zwischen dem, was der Westen lehrt, und dem, was er tut? Im 19. Jahrhundert waren, so führte sie aus, die japanischen Intellektuellen von den großen Denkern und Philosophen Europas tief beeindruckt. Später mußten sie erkennen, daß europäische Systeme und Theorien im allgemeinen auf das Leben nicht angewandt werden.