Von Hans Magnus Enzensberger

Seit dem Hintritt der "gebildeten Stände" ist eine jede literarische Tradition für uns problematisch, zweideutig, fraglich geworden. Sie ist es am Ende immer schon gewesen, auch da man sie noch im Tornister über die Schlachtfelder des Imperialismus trug und in den Schulen bei Strafe des Arrestes auswendig zu lernen hatte.

Das bürgerliche Zeitalter hat früh bemerkt, wie Poesie zur Sache der wenigen geworden war. Schon die Romantik litt darunter und glaubte doch ein unfehlbares Heilmittel zu haben, nach dem es nur die Hände auszustrecken galt: die Natur- oder Volkspoesie.

Die Hoffnung, ja die Zuversicht, die Arnim ins Volkslied setzte, hat getrogen. Heute ist in Deutschland das Volkslied ausgestorben oder verderbt. Was bereits zu Zeiten seiner größten Freunde und Sammler, was in Arnims eigenen Worten sich verrät, die Sehnsucht nach einem vergangenen Zustand der Gesellschaft, die retrospektive Vorliebe für ein patriarchalisches Dasein, wie es der Wohlmeinende allenfalls auf seinem Gute damals noch verwirklichen konnte, ist dem Volkslied zum Verhängnis geworden. In den hundert Jahren nach dem Erscheinen des Wunderhorns verkam es zur altdeutschen Spezialität. Je mehr und bemühter wurde es gesammelt und kommentiert, doch als Mumie; und die Kompendien, die Arnims und Brentanos Sammlung nachfolgten, gerieten zu bürgerlichen Etuis, die dem Beschauer das vermeintlich Naturwüchsige auf Plüsch gefüttert darboten.

Je weniger die Wirklichkeit der industriellen Revolution mit ihnen zu vereinen war, desto mehr labte sich die Epoche an den alten Liedern. Nein, "den großen Riß der Welt" konnte das Volkslied nicht heilen. Eben als Kontrast zum Bestehenden wurde es genossen. Einerseits das Ännchen von Tharau, andererseits Bismarcks Sozialistengesetze: so wurde die Volkspoesie zum Vehikel eines poetischen Tourismus in die Vergangenheit, so ist sie versunken.

Militär und Kommersbuch haben sie adaptiert. Die Jugendbewegung wollte sie von ihren Flek-

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