Von Ulrich Gregor

Den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig waren mancherlei Kontroversen vorausgegangen. Vor allem die deutsche Filmwirtschaft fühlte sich – nach den auf der diesjährigen Berlinale verliehenen „Ohrfeigen“ – abermals brüskiert: Die venezianische Auswahlkommission hatte sich unterstanden, alle fünf von der Bundesrepublik für die internationale Konkurrenz angebotenen Filme zurückzuweisen. Der „Spitzenverband der Filmwirtschaft“ (SPIO) beschloß daraufhin einen Boykott des Venedig-Festivals. Deshalb erschien auch kein deutscher Beitrag für die neben der Konkurrenz laufende „Informationsschau“ der Festspiele. Als einziger deutschsprachiger Film dieses Jahres lief Österreichs „Kauf dir einen bunten Luftballon“.

Einen guten Auftakt gab dem Festival der japanische Film „Yojimbo“, eine Produktion des mittlerweile auch bei uns bekannt gewordenen Akira Kurosawa (Rashomon). „Yojimbo“ (der Titel bedeutet „Die Leibwache“) erzählt die Geschichte eines Samurai, der sich nacheinander an zwei in einem Dorf rivalisierende Räuberbanden anschließt, um die eine Partei jeweils gegen die andere auszuspielen; am Ende ist er der einzige Überlebende. Der mit viel Virtuosität und spezifischer Begabung für Bildkomposition gedrehte Film besticht vor allem durch seine Vielschichtigkeit: In die hochgespannte Dramatik der Fabel mischen sich groteske Züge und barocke Übertreibungen; das Genre der Samurai-Filme scheint hier in seine eigene Parodie überzugehen.

Uneinigkeit unter den Kritikern rief der Film von Claude Autant-Laras „Tu ne tueras point“ („Du sollst nicht töten“) hervor. Dieser Film stellt die Geschichte eines französischen Kriegsdienstverweigerers der eines deutschen katholischen Priesters gegenüber, der auf Befehl eines schikanösen Vorgesetzten einen französischen Partisanen erschoß. Dasselbe französische Gericht spricht am Ende des Films den Priester wegen „Befehlsnotstand“ frei, während es den Kriegsdienstverweigerer zu Gefängnis verurteilt. Aus der Konfrontation dieser beiden Schicksale entwickelt Autant-Lara eine Polemik gegen die französische Armee (die bekanntlich die Kriegsdienstverweigerung nicht anerkennt) und gegen die Unentschiedenheit der katholischen Kirche in ihrer Stellung zum Krieg.

Autant-Lara, ein Vertreter der älteren Filmgeneration, realisiert den interessanten Stoff leider nicht ohne Konzessionen an Rührseligkeit, die der Fabel stellenweise die Überzeugungskraft nimmt. Nichtsdestoweniger muß man die kritische Haltung und den Mut dieses Films anerkennen, der dem Mythos des militärischen Heldentums mit Konsequenz zu Leibe rückt.

Sehr viel ernste Aufmerksamkeit verdient der polnische Beitrag „Samson“ (nach einem Roman von Kazimierz Brandys). Der von Andrzej Wajda gedrehte Film, der das Schicksal der polnischen Juden in einer individuellen Geschichte widerspiegeln möchte, steht in der gleichen Tradition der Düsterkeit wie schon Wajdas „Kanal“: Die Wirklichkeit wird zum stilisierten Alptraum, zur Vision, die ein nicht mehr direkt ausdrückbares Grauen beschwört. Dieses Grauen, das in den meisten Filmen der jungen polnischen Regisseure spürbar ist, hat seine schrecklich reale Seite: Die Szenen aus dem Warschauer Ghetto erinnern daran. In den Film symbolisch eingewoben ist das biblische Thema von Samson und Dalilah. Im Schicksal des Protagonisten (der alles andere als ein „Held“ sein soll) scheint sich die biblische Legende erneut zu vollziehen: Samson kehrt zeitweilig seinem Volk den Rücken, flieht aus dem Ghetto und hält sich auf der „arischen“ Seite versteckt; als er den Weg zurückfindet, ist das Ghetto bereits zerstört.

Im Vergleich zum polnischen Film fielen, die Beiträge der anderen Oststaaten etwas schwächer aus. Trotzdem erwarb sich der Film der jungen Russen Alow und Naumow „Friede dem, der eintritt“ in Venedig viele Anhänger. Ein Drama im Stil der „Ballade vom Soldaten“, in dem der Krieg vornehmlich die Kulisse zu edlem Verhalten und zur Darbietung guter Gefühle abgibt, gewann durch den Humanismus, für den er auch den besiegten Deutschen gegenüber eintritt, und durch die Frische seiner Regie.