Von Siegfried Lenz

Jedes Drama, auch jedes Gedicht, hat einen epischen Kern. Kein Schriftsteller kommt ohne die Begebenheit aus, ohne die Signaturen einer Geschichte: Selbst ein Lyriker hat – und nicht nur insgeheim – etwas zu erzählen. Das aber heißt unter anderem, daß jede Begebenheit sich auf verschiedene Weise erzählen oder darstellen läßt; sie ist in gewissem Sinne nie endgültig, nie unwandelbar – sie hört nie auf.

Vielleicht liegt darin sogar der Vorzug einer Geschichte: immer neu und immer anders erzählt werden zu können; denn im Wechsel von Zustimmung und Zweifel, von Bejahung und Verwerfung läßt sich ihre Standfestigkeit erproben. Außerdem läßt sich durch den Wechsel der Form die Grenze einer Begebenheit erkunden – die Grenze, aber auch ihre vorläufig einzige, vorläufig letzte Möglichkeit.

„Zeit der Schuldlosen“ wurde zunächst als Novelle konzipiert. Ich hatte vor, das Abenteuer von neun Männern zu erzählen, die in einer Zeit äußerster Rechtlosigkeit schuldlos blieben und sich auf ihre Schuldlosigkeit sehr viel zugute hielten. Ich dachte mir eine Lage aus, in der strahlende Schuldlosigkeit, die durch schweigende Billigung und Wegsehen erkauft war, auf eine Handprobe gestellt und widerlegt wird. Es kam mir dabei vor allem auf die Begebenheit an, auf den ausreichenden Anlaß, der aus Schuldlosen Schuldige macht.

Ich wollte herausbekommen und selbst verstehen lernen, wie weit Schuldlosigkeit nur ein Glücksfall ist, und unter welchen Bedingungen sie in ihr Gegenteil umschlägt. So erhielten die neun Männer eine Gelegenheit, schuldig zu werden, und da sie keine Wahl hatten, wurden sie es. In der Novelle sollte nichts anderes erzählt werden als dies.

Doch bevor ich die Novelle schrieb, verschob sich mein Interesse; was jetzt immer entschiedener hervortrat, das waren die neun Männer selbst, und zwar in dem Augenblick, in dem sie ins Spektrum der Schuld gerieten, in dem sich gewissermaßen ihr moralischer Farbwechsel vollzog. Damit änderte sich auch bereits die Geschichte, die „Begebenheit“, die ich erzählen wollte.

Die neun repräsentativen Männer erhielten eine Biographie, ganz bestimmte Lebensgewichte. Ich versuchte, die Unterschiede zwischen ihnen deutlich zu machen – nur um zu zeigen, daß die Männer bei aller dezidierten Verschiedenartigkeit in einem bestimmten Augenblick übereinstimmend, gleichförmig handelten: in dem Augenblick, in dem ihre Schuldlosigkeit unter einen unbarmherzigen Druck geriet, der ihre Makellosigkeit widerlegte. Dadurch zog sich die „Begebenheit“ gleichsam zusammen, sie konzentrierte sich auf die Krise der Entscheidung, in der die Betroffenen jetzt selbstverständlich eine Möglichkeit der Wahl fanden: die Alternative bestand darin, zu sterben, um schuldlos, zu bleiben – oder schuldig zu werden. Es ist eine grausame Alternative, gleichwohl ist sie folgerichtig im Sinne einer schonungslosen Moral. Um sie sichtbar zu machen, legte sich die dramatische Form von selbst nahe.