Sie irren sich!“ erklärte mir eine junge Bekannte, die mit mir ihren Autokauf besprach: „Die Mondänen fahren neuerdings Nuckelpinnen.“ (Unter mondän verstand sie wahrscheinlich: Fans, die sich von Exaltationen nähren, Beatniks, die ihren Seelenkater spazierenführen, und überalterte Twens, die ihr Selbstbewußtsein fördern, indem sie anders sind als die anderen. Mit Nuckelpinne aber bezeichnete die junge Dame Autos, die wie selbstgebastelt aussehen: Straßenpinscher, die weniger mit ihrer Geschwindigkeit als mit ihrem Motorentuckern anzeigen, daß sie fahren.) „Die Mondänen fahren neuerdings Nuckelpinnen“, so sprach sie und kaufte sich einen Sportwagen mit 90 PS. Sie kann es sich leisten und läßt sich ihren guten Ruf etwas kosten. Denn „mondän“ zu erscheinen, hält sie für abgeschmackt.

Das Fahrzeug als Visitenkarte zu betrachten, ist nicht neu. Neu ist nur, daß es immer schwieriger wird, die Chiffre dieser Visitenkarte zu entschlüsseln, weil auch hier die Kunst des Sich-Zeigens – wie das Beispiel verrät – sich zur Geheimwissenschaft verpuppt. Bisher wußte man gleich, woran man war. Das galt vom Auto wie vom Motorrad. Es bedurfte nicht erst jener goldigen Playboys, die mit superschweren Maschinen die Rivieraküste nach Mannequins und Starlets abgrasten, um die Welt merken zu lassen, daß sich der Balzruf des zwanzigsten Jahrhunderts im Donner des Auspuffs bekundet – unsere landesüblichen Jünglinge spielten schon längst die Entführung der Helena auf der Pupperlrutsche (wie der Rennsattel poetisch genannt wird).

Aber das Problem ist kompliziert geworden; Wer vom Fingerhuthubraum und von der Einfaltskarosserie vorschnell auf die Arglosigkeit des Insassen schließen wollte, könnte ebenso danebentappen wie einer, der sich verleiten ließe, hinter strotzenden Pferdestärken, unter rassigem Windschnitt stets einen Abenteurer zu vermuten. Unsere Zeit ist nicht nur an politischen, sie ist auch an psychologischen Überraschungen reich. Wer hätte damals, als die berüchtigte, halbseidene Rosemarie gleicherweise die Zierpudel und die Sportwagen in ihren schlechten Ruf hineinzureißen drohte, auch nur entfernt vermutet, daß die rennverdächtigen Zweisitzer noch einmal zur Muschel der Tugend avancieren würden? Zur Not hätte man sich vorstellen können, daß schüchterne Seelen, die sich scheuen, von wildfremden Wachtmeistern angesprochen zu werden, Autos bevorzugten, die schneller wären als die Polizei. Auch liegt es nahe, daß auf Sicherheit bedachte Fahrer für hochtourige Motoren sind, nicht nur, weil ein starkes Anzugsvermögen es erlaubt, sich bescheiden nach vorn abzusetzen, wenn ein entgegenkommendes Fahrzeug beim Überholen auf der Landstraße zudringlich wird, sondern auch, weil auf den Autobahnen die linke, von Fernlastern weniger strapazierte Fahrbahn meist besser erhalten ist.

In dem erwähnten Gespräch mit der tugendsamen Autokäuferin, die das Mondäne verabscheute, wurde ich jedoch belehrt, daß der moralische Wert der blitzschnellen Coupés bei weitem höher zu veranschlagen ist. „Nehmen Sie an, eine junge Dame würde von ihrem Beifahrer belästigt“, argumentierte sie und blickte streng: „Wie kann diese Dame sich schützen?“ – „Nun“, erwiderte ich, „sie tritt auf die Bremse!“ – „Falsch“ triumphierte sie, „denn dann wäre sie dem Wüstling rettungslos ausgeliefert.“ Ich mußte ihr recht geben. – „Es gibt nur eine Waffe“, fuhr sie fort: „Das Gaspedal! Bei 150 Kilometern in der Stunde wird dem Lustmolch seine Schamlosigkeit schon vergehen. Kuschen wird er sich!“

Ich zweifelte nicht daran. Da ich auch auf Tugend bedacht bin, überlegte ich, ob es für mich nicht ratsam wäre, auf den sportlichen Ferrari überzuwechseln. Er macht in der Spitze runde 250 Sachen und kann seine Scheinwerferaugen sittsam zuklappen. Nur leider kostet er 84 000 Mark. Selbst für die Tugend ein hoher Preis. Und außerdem konnte ich – als männliches Individuum – mich nicht so ganz hinter das Argument des schwachen Geschlechts verschanzen. Ich werde also doch bei der Mittelklasse bleiben müssen.

Verstehe sich einer auf die Psychologie der Autos. In Ländern des sozialistischen Fortschritts fahren die hohen Funktionäre schwermütige Limousinen, die aussehen wie die leibhaftige Reaktion – ein Eindruck, der durch die gardinenverhangenen Rückfenster noch verstärkt wird. Die Präsidenten junger afrikanischer Republiken hingegen geben ihrer Autorität Gesicht durch chromflimmernde, surreale Traumwagen, die man im konservativen Abendland höchstens einem geschäftstüchtigen Manager zubilligen würde. Zuweilen spielen natürlich auch äußere Umstände eine gewichtige Rolle. Da die schweren französischen Wagen um der guten Straßenlage willen sehr flach gebaut sind, müssen in diesem Lande auch Exzellenzen sich tief verbeugen, wenn sie im Auto Platz nehmen, und sie tauchen beim Aussteigen wie aus dem Grund der Erde auf. Aber dort, im Mutterland der Revolution, schätzt man es wahrscheinlich, auf diese Weise auch die Mächtigeren daran zu erinnern, daß sie dem Volke zu dienen haben und von Volkes Gnaden sind.