Der populärste Sport, der Volkssport par exellence, ist heute das Fußballspiel. Jeder Spieler und Zuschauer weiß, daß das Spiel in seiner jetzigen Form vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert auf den Kontinent gekommen ist und sich wie kein zweiter Sport den ganzen Erdball erobert hat. Die Ursprünge des Fußballspiels liegen freilich weit in der Geschichte zurück.

Die neue Forschung nimmt an, daß dieses Ballspiel in Europa nicht in England, sondern in Frankreich seinen Ursprung hatte, Jahrhunderte früher haben es nicht nur die Völker des klassischen Altertums, sondern auch die Chinesen und die Primitiven gekannt. In China wurde schon zweieinhalb Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung das Ts’uhküh mit einem Vollball gespielt, vor allem beim Militär als Leibesübung. Im sechsten Jahrhundert nach Christus kam der Fußball nach Japan, wo sich Kronprinz Tenchi-Tenno des Spiels mit Leidenschaft annahm.

Unter dem Namen Kemari fand das Spiel Eingang beim höchsten Adel. Es wird sogar heute noch von zwei Klubs betrieben und nur an hohen kirchlichen Festtagen in der Nähe eines Tempels oder am kaiserlichen Hof ausgetragen. Im 9. Jahrhundert konnte sich eine vornehme, aber verarmte Adelsfamilie mit Namen Asukai lediglich durch Unterrichtsstunden im Kemarispiel ernähren. Kemari ist eine kultische Handlung. Der Ball wird von einem Priester aus dem nahen Tempel auf den Spielplatz gebracht, wo sich die Teilnehmer in prächtigen alten Gewändern versammelt haben. Zwanzig Minuten lang muß der Ball ununterbrochen in der Luft gehalten werden und darf nicht zu Boden fallen.

Ähnlich sind die Spiele in Hinterindien und Indonesien. Henry O. Forbes schilderte uns schon 1886 in seinem Buch „Wanderungen eines Naturforschers im Malayischen Archipel“ ein Ballspiel mit dem Namen Simpak – ebenfalls eine Art Kreisfußball, an dem über zwanzig junge Burschen mitmachen. Der Ball ist aus Rotanggeflechten und wird mit nackten Füßen emporgeschleudert, und zwar nicht mit der Fußspitze, sondern mit der Längsseite des Fußes. Es wird darauf geachtet, daß der Ball keinen anderen Körperteil berührt. Auch dieser Simpak steht in engem Zusammenhang mit religiösen Festen.

Trotz vieler Aufzeichnungen und Quellen läßt sich über das Fußballspiel im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit nur wenig sagen. Wohl die älteste Erwähnung dürfte aus dem Jahre 1349 stammen, als König Edward III. die Beamten aufforderte, das nutzlose Spiel zu unterdrücken, halte es doch die Bürger davon ab, sich in dem für das Land viel wichtigeren Bogenschießen zu üben. Sehr wahrscheinlich bezieht sich auch eine Verfügung seines Vorgängers, Edward II., aus dem Jahre 1315, wonach das lärmende Spiel mit großen Bällen zu unterlassen sei, ebenfalls auf den Volksfußball. Im Mittelalter wurde auch in den französischen Klöstern Fußball gespielt!

Es ist wohl möglich, daß diesseits und jenseits des Kanals schon damals Fußball gespielt wurde. Die spärlichen zeitgenössischen Andeutungen lassen darauf schließen, daß der Ball zuerst in die Höhe geworfen wurde, dann stürzten beide Parteien darüber und suchten sich seiner zu bemächtigen, um ihn nicht ins fremde Mal, sondern inseigene Lager zu bringen. Die Wettkämpfe scheinen sich oft zwischen zwei Ortschaften abgespielt zu haben, das heißt, das Terrain zwischen ihnen bildete den Spielplatz. Während des Wettkampfes kam es oft zu wilden Schlägereien. Man wird deshalb auch Mulasters (1533 bis 1611) Erwähnung und Kritik am Volksfußball – die ja oft als Hinweis dafür genommen wird, daß das Spiel schon in ältesten Zeiten in England heimisch war – verstehen. Er schreibt: „Obgleich, so wie der Fußball jetzt gewöhnlich gespielt wird, in zusammengedrängten rohen Haufen, mit Schienbeinaufkratzen und Knochenbrechen, es weder anständig noch wert ist, ein Mittel zur Förderung der Gesundheit genannt zu werden. Aber wenn einer dabei wäre, der das Spiel versteht und über die Parteien Recht und Urteil hätte, so würden alle diese Nachteile eingeschränkt. Kleinere, übersehbare Zahl von Spielern in Seiten oder Aufstellungen geteilt, die sich körperlich nicht so wild angehen, nicht mit den Schultern rempeln oder einander barbarisch stoßen und nachtreten, das möchte den Fußball durch den Gebrauch hauptsächlich der Beine als so nützlich für den Körper erweisen wie Handball aus gleichen Gründen durch den Gebrauch der Arme.“ Mulcaster forderte hier Regeln, die erst zweihundert Jahre nach seinem Tode eingeführt werden sollten. Von geregeltem Spiel konnte also in old England keine Rede sein.

Anders muß es zur Zeit der Renaissance in Italien gewesen sein. Man benutzte zum Fußball schon einen aufgeblasenen Ball, der höchstens zehn Unzen schwer war und nicht mehr als sieben Zoll Umfang hatte. Der Platz für das Spiel war so groß, daß auch der kräftigste Mann einen Stein nicht über die ganze Länge schleudern konnte. An dem rugbyartigen Fußball nahmen 20 bis 40 Mitwirkende teil. Am Ende der breiten Längsseiten wurde ein Tor markiert. Die beiden Parteien wurden bereits durch eine farbige Kleidung gekennzeichnet. Der Anstoß von der Platzmitte aus wurde durch das Los bestimmt. Nachher durfte der Ball auch aufgenommen und geworfen werden. Jede Mannschaft hatte bereits ihren Capitano; die Aufstellung der Spieler glich schon der heute üblichen Form.

Allmählich erst wurden in England Regeln für das noch wilde Spiel entwickelt. Neben Rudern und Cricket wurde Fußball ein typischer College-Sport. Dabei war vor allem der Rugby wegweisend. Das war der Anfang des modernen Fußballspiels. Stand als Spielfläche nur ein gepflasterter Hof zur Verfügung, so mußte – um Verletzungen zu vermeiden – das Fangen des Balles mit der Hand verboten werden. So wurde aus, dem wechselseitigen Spiel zwischen Fuß und Hand schließlich das Spiel mit den Füßen. Es wurde dann in den sechziger Jahren in den Regeln der „Football Association“ festgelegt. F. K. Mathys