Bonn, Anfang Oktober

In Bonn rechnet man damit, daß sich die Koalitionsverhandlungen zwischen den Unionsparteien und den Freien Demokraten günstig entwickeln werden. Bei der ersten Unterredung am Montag, an der Adenauer und Strauß auf der einen, Mende und Weyer auf der anderen Seite teilnahmen, zeichnete sich in der Außen- und der Verteidigungspolitik Übereinstimmung ab.

Der Kanzler ließ der FDP am Dienstag zwei Memoranden überreichen; in dem einen werden die Grundzüge seiner Außenpolitik, in dem anderen die seiner Verteidigungspolitik dargestellt. Es kommt Konrad Adenauer offensichtlich darauf an, die FDP schriftlich auf die Grundlinien seiner Außen- und Verteidigungskonzeption festzulegen.

Der Kanzler möchte mit der FDP zu einer Vereinbarung über das Regierungsprogramm kommen, die für die ganze Legislaturperiode gelten soll. Als die wichtigste Voraussetzung dafür betrachtet er, daß die FDP nicht an den beiden Hauptpfeilern seiner Politik – der Außen- und Verteidigungspolitik – rüttelt. Über andere Fragen – Wirtschafts-, Sozial- und Steuerprobleme – glaubt er sich mit den Freien Demokraten leicht verständigen zu können. In der Sache scheinen Mende und Weyer mit Adenauer und Strauß weitgehend einig zu sein, in der Festlegung auf eine langfristige Bindung scheinen jedoch zwischen den beiden FDP-Politikern Unterschiede zu bestehen. Mende ist offensichtlich bereit, sich auf lange Sicht zu binden, Weyer möchte sich wohl hier einen größeren Spielraum vorbehalten.

In den Koalitionsverhandlungen zielt Erich Mende auf Zeitgewinn. Er hofft, daß die Führungsgremien der Partei, falls er ihnen eine weitgehende Einigung in den sachlichen und den personellen Fragen samt verlockenden Ressortangeboten vorlegen kann, die Frage, wer für die nächste Zeit Bundeskanzler sein soll, nicht mehr so hoch bewerten werden.

In Bonn ist man sicher, daß die CDU/CSU keinen anderen Kanzlerkandidaten zur Wahl vorschlagen wird als Dr. Adenauer. In der Fraktionssitzung vom 27. September fand sich kein Redner, der Adenauer die Kandidatur streitig zu machen gewagt hätte. Professor Erhard erklärte ausdrücklich, daß er sich hinter den Beschluß des Parteivorstandes stelle, in den Adenauer gebeten worden war, sich für die Übernahme des Kanzleramtes zur Verfügung zu stellen und die Führung der Koalitionsgespräche mit der FDP zu übernehmen. Damit hatte die Fronde keinen Gegenkandidaten mehr. Strauß versicherte am Dienstag Journalisten, er hätte die FDP nie zu einer Kampfstellung gegen Adenauer ermuntert, sondern ihr im Gegenteil geraten, sie möge die Kanzlerfrage zurückstellen und zunächst mit den Unionparteien die Sachprobleme erörtern. Auch Erhard, so sagte Strauß, habe niemals der FDP Hoffnungen gemacht, er würde sich als Kandidat gegen Adenauer zur Verfügung stellen. Dr. Mende dagegen behauptete, nicht die FDP sei "umgefallen", sondern ihre Gesprächspartner von den Unionparteien. Alle jedoch – Mende und seine Gesprächspartner – scheinen die Geschicklichkeit des Kanzlers und seinen Einfluß in der CDU/CSU unterschätzt zu haben.

Nachdem Adenauer seine Position als neuer Kanzlerkandidat so gut wie uneinnehmbar gemacht hatte, zog sich Mende auf die Erklärung zurück, diese neue Lage zwinge die FDP zu einer Überprüfung ihrer Haltung. Die Sozialdemokraten dagegen halten angesichts der außenpolitischen Lage nach wie vor eine Allparteienregierung für notwendig. Brandt ließ aber keinen Zweifel daran, daß seine Partei auch Adenauer als Kanzler einer Allparteienregierung akzeptieren würde. Damit ist der Manövrierraum der FDP gegen Adenauer eingeengt; denn der Kanzler hat notfalls die Möglichkeit, auf ein Allparteienkabinett auszuweichen, dem auch der Bundespräsident nicht abgeneigt zu sein scheint.