Aschenputtels Tod – Seite 1

Von Manfred George

Um die Gestalt des Zeitungszaren William Randolph Hearst ist immer ein großes Rätselraten gewesen. Für die einen war er ein Teufel, der seine Opfer nicht in Siedekesseln, sondern in Druckerschwärze kochte, für die anderen ein Genie und Patriot. Er hat viele Biographen gehabt, erst in diesen Tagen wieder einen neuen, W. A. Swenberg („Citizen Hearst“). Sehr nahe seinem Wesen kam der berühmte Film von Orson Welles, „Citizen Kane“, der Hearst so rasend machte, daß seine Zeitungen alles taten, um, wo immer sie konnten, die Vorführung in den Filmtheatern zu verhindern.

In diesen Tagen nun ist eine Frau gestorben, die Hearst wohl am besten kannte, die Schauspielerin Marion Davies. An Knochenschwund in Hollywood. Die Zeitungen haben ihr spaltenlange Nachrufe gewidmet. Eines Tages wird auch ein Roman oder ein Film über sie geschrieben werden. Nicht, daß diese Frau eine bedeutende Schauspielerin oder ein bedeutender Mensch gewesen wäre. Sie war nur – ein guter Mensch. Gleichzeitig erfüllte sie vor einer staunenden Nation den Traum aller Backfische in jener Zeit, da Amerika noch war, was es längst nicht mehr ist: ein Land mit unbegrenzten Möglichkeiten für den, der Glück hatte.

Marion Davies stammt aus jener Epoche Hollywoods, die in ihrer Extravaganz, Idiotie und ihrem Mangel an Maßstäben genau dem Größenwahnsinn des Zeitungs-Magnaten Hearst – und dem des ganzen Rudels der sogenannten Filmpioniere – entsprach. Die Liebe zwischen Hearst und Marion Davies war das Ereignis einer Zeit, die eine illegitime Beziehung nur verzieh, wenn sie sich im Rahmen unvorstellbaren Märchenprunks abspielte. Es war jene Zeit, in der Hollywoods Darsteller meist Menschen waren, die nicht mehr wußten, wo ihre Grenzen lagen. Es war die Zeit, da ein Mann mit pelzverkleideten Toilettensitzen ein großes Geschäft machte (Stück 200 damals noch gute Dollar), und an Bing Crosby für 400 Dollar einen loswerden konnte, der auf beiden Seiten mit Nerz gefüttert war.

In jener Zeit war es, daß der Zeitungszar William Randolph Hearst das kleine irisch-katholische Mädchen Marion, blond, kokett und süß, in den „Ziegfield Follies of 1917“ unter den Chorgirls entdeckte und für acht Wochen zwei Sitze in der ersten Reihe des Theaters kaufte, einen für sich und einen für seinen Hut. Dann packte er das Aschenbrödel aus Brooklyn in ein Abteil erster Klasse, fuhr es nach Hollywood und versuchte, die „größte Filmtragödin des Landes“ aus ihr zu machen. Es war eine Liebe, die bis zum Tode des Magnaten ununterbrochen, und so stürmisch wie sie begonnen hatte, anhielt.

Marion spielte in einer Anzahl von Stummfilmen, wurde aber nur in den Hearst-Zeitungen gerühmt. Die – übrigen Kritiker erwähnten sie kaum. Dafür hatte sie aber, reichlich Publizität durch ihr märchenhaftes Privatleben. Hearst ließ für sie ganze Schlösser in Europa Stück für Stück abtragen und in Amerika wieder aufbauen. Er engagierte Orchester, die bei ihren Filmaufnahmen Stimmungsmusik spielten, und ihr „Heim“ in Santa Monica bestand aus fünf Gebäuden mit 110 Zimmern und 55 Badezimmern, Gärten, Tennisplätzen sowie zwei Schwimmbassins, von denen das eine von einer aus Italien importierten marmornen Brücke überdacht war.

Marion Davies’ Hollywoodleben vollzog sich in einer Zeit, in der die amerikanische Filmindustrie der Spielball von Abenteurern war, für die der Film dasselbe bedeutete wie für die Goldsucher Klondyke. Marion Davies spielte in 20 oder 30 Filmen, erst in einer Gesellschaft, die Hearst für sie gegründet hatte, dann bei Metro Goldwyn Mayer, wo sie wöchentlich eine der höchsten Gagen der Zeit (10 000 Dollar) erhielt. Aber selbst Louis B. Mayer, dieser gerissene, alte Filmfuchs, der vor jedem Erfolgsmenschen auf den Knien lag und daher ein großer Bewunderer Hearsts war, konnte schließlich mit Marion Davies nicht viel anfangen. Nur einmal spielte sie eine Hauptrolle, in Operator 13“ als Partnerin Gary Coopers. Dann wünschte Hearst sie durchaus als Marie Antoinette zu sehen, aber jetzt bockte selbst der alte Mayer und verlangte, daß Hearst die gesamten Produktionskosten übernehme. Zum erstenmal siegte bei Hearst Geld über Liebe, vielleicht aber auch war Hearst gerade in keiner günstigen finanziellen Situation. Denn auch im Zeitungsstaate Hearst war bisweilen manches faul.

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Die Zeit schritt fort. Marion sparte und legte eine Million zur anderen, wie das bei einem klugen Mädchen, dem eine dürftige Jugend in einer dumpfen Brooklyner Seitenstraße unvergessen blieb, nicht ungewöhnlich ist. Unterdessen baute Hearst seinen riesigen Besitz von San Simeon immer weiter aus. Auch dieses phantastische Gut, das 270 000 Morgen an der kalifornischen Küste umfaßte, entsprach jenem Hearst, der die Knabenträume, die er aus seinen Kinderbüchern gesogen hatte, nicht vergessen konnte. San Simeon, dessen „Königin“ Marion Davies wurde, war ein Gemisch von Parks, Wäldern, Villen, Schlössern, Nachbildungen alter Tempel, Statuen-Gärten, deren Erwerb und Aufstellung viele Millionen kostete. Hier und in Hollywood hielt Marion Davies Hof, freundlich, großzügig, vielen Menschen helfend und nicht nur von Höflingen und Speichelleckern, sondern auch von zahllosen Arbeitern und Arbeiterinnen in den Film-Ateliers verehrt, mit denen sie sich an den Küchentisch setzte, um zu beraten und in den meisten Fällen auch zu helfen.

Marion Davies hat Hearst nie heiraten können. Aber er hatte versprochen, eines Tages seine Freundin nicht nur dafür zu entschädigen, daß sie ihm einmal, als sein Zeitungsreich in Gefahr war, eine Million Dollar ohne Quittung geborgt hatte, sondern auch dafür, daß sie immer ein „illegales Leben“ hatte führen müssen. Eines Tages war es dann so weit, daß der nun schon 88 Jahre alte Mann endgültig von der Welt Abschied nehmen mußte. Marion Davies saß in der Klinik an seinem Bett. Sie wachte die Nacht hindurch, nahm dann gegen Morgen ein Schlafmittel, und saß schlummernd in der Zimmerecke, als der Mann, mit dem sie 32 Jahre zusammengelebt hatte, seinen letzten Atemzug tat. Als sie aufwachte, hatten Hearsts Söhne schon den Leichnam des Vaters entfernt. Niemand hatte Marion geweckt. Das Krankenzimmer war leer. Auf dem Tisch neben dem Totenbett lag nur eine Visitenkarte des Generals MacArthur und ein Photo von Marion Davies, das er immer bei sich gehabt hätte und das auf der Rückseite ein Zitat aus Romeo und Julia trug:

My bounty is as boundless as the sea,

My love as deep; the more I give to thee

The more I have, for both are infinite.

Hatten noch am Tage vorher die Hearst-Zeitungen jede Phase ihres Alltags notiert, so war der Name Marion Davies jetzt plötzlich aus den Blättern verschwunden; selbst die beiden Freiexemplare, die sie erhalten hatte, lagen morgens nicht mehr auf der Schwelle ihres Hauses. Keiner aber wußte, daß der Verstorbene sie zum Boß über das gesamte Redaktionswesen gemacht hatte. Die Millionen waren an seine Witwe, seine fünf Söhne und an Wohltätigkeits-Institute verteilt worden, Marion Davies aber sollte laut Testament die sieben Exekutivbeamten Hearsts ersetzen, die die Treuhänder des Unternehmens gewesen waren. Sie erhielt fünfzehn Prozent der Vorzugsaktien des Hearst-Konzerns, sollte aber die Stimmrechte für alle 100 000 gewöhnlichen und für die verbleibenden 85 Prozent der Vorzugsaktien haben, die der alte Hearst selbst besessen hatte. Marion Davies, die nach dem Tode vierzehn Tage lang geschnitten worden war wie ein entlassenes Dienstmädchen, hatte die Macht, alle Beamten und Direktoren des Unternehmens zu ernennen.

Es kam dann später zu einem Vergleich zwischen ihr und den Söhnen Hearsts, in dem sie erklärte, sie habe volles Vertrauen, daß die Söhne die Zeitungspolitik ihres Vaters in seinem Sinne weiterführen würden. Nominell blieb sie ein „official Consultant and adviser to the Hearst Corporation widmete sich aber vor allem ihrer vielfältigen Wohltätigkeitsarbeit, zu der besonders der Unterhalt und die Verwaltung einer großen Kinderklinik gehörten, die rund zwölftausend Kinder im Jahr versorgt.

Zwei Monate nach dem Tode Hearsts heiratete Marion Davies den ehemaligen Marine-Offizier Horace Brown, der ein „stunt man“ in Hollywood gewesen war und mit dem sie eine stürmische Ehe führte. Zweimal wollte sie sich scheiden lassen, zweimal scheute sie davor zurück. Das Konto des Kapitäns Brown aber, der aus dem gleichen Dunkel kam wie Marion Davies, ist in diesen Tagen um eine ganze Anzahl von Millionen angewachsen.