Von Eka von Mervcldt

Emsige Kulturkritiker, die nach Griechenland reisten, schilderten auch in diesem Sommer, daß man auf der Akropolis von Athen den Parthenon vor lauter Touristen aus aller Welt nicht mehr sehen könne. Sie schienen verärgert, die Snobs, daß sie ihr Privileg, dort allein herumzuspazieren, verloren hatten.

Der Kremlchef Chruschtschow, der sich weder durch Snobs noch Touristen irritieren läßt, prahlte kürzlich in einer seiner unbeherrschten Reden, er werde notfalls nicht davor zurückschrecken, „auf die Orangenhaine Italiens Raketen regnen“ zu lassen, und seine Militärs würden auch mit der Akropolis keine Gnade kennen.

In Zeiten, da solche Reden möglich sind, ist es eine Wohltat, einem Manne zu begegnen, einem Wanderer zwischen den Kontinenten, der mit seinen 70 Jahren immer wieder aus Kalifornien, wo er wohnt, aufbricht, um in Südamerika, in Europa, Asien, Afrika zu lehren, zu lernen, zu bauen: der Architekt Professor Richard Neutra, einer der großen Baumeister unserer Zeit. Er war wieder einmal nach Hamburg gekommen, um seine Bauprojekte in der Bundesrepublik voranzutreiben. Er kam aus Griechenland.

„Es ist schön, daß so viele Menschen zur Akropolis pilgern. Daß sie sich gegenseitig stören und nichts sehen, was sind das für törichte Behauptungen! Es ist für Tausende Platz auf dem Akropolis-Hügel. Ich bin froh, daß neuerdings auch ein paar Russen kommen. Sie werden zu Hause berichten. Die Magie dieser Steine wirkt noch nach 2400 Jahren. Und wirklich, es steckt mehr dahinter, als rationalistischer und satirischer Bildungsstolz zugibt. Wer nur einmal mit den Augen die Linie der Säulen und der Friese abgetastet hat in diesem hellen griechischen Licht, der hat etwas Einmaliges erlebt, selbst wenn es ihm im Augenblick noch gar nicht bewußt wird. Der Parthenon ist noch immer das vollendetste Gebäude, das je auf der Welt gebaut wurde. Ich sage das, weil wir, jedenfalls wir Architekten, heute alle seine Geheimnisse kennen. Wir wissen, daß seine fast überirdische Harmonie auf lauter Unregelmäßigkeiten beruht. Die Säulen verjüngen sich, sie stehen nicht parallel zueinander, die Portale sind nicht rechtwinklig. – Übrigens ist in der ganzen Welt seit Jahrhunderten immer wieder versucht worden, diese Gebäude zu kopieren, seine Maße zu übertragen. Man hat sich viele Gedanken darüber gemacht, warum dies nie gelang. Es ist uns nützlich, den Grund zu wissen: Er sollte allen Staatsmännern, einschließlich Herrn Chruschtschow, zu denken geben. Ich bin als Architekt natürlich froh, sagen zu können: An uns Architekten liegt es nicht. Die Kunst und die Begabung der Architekten ist nicht kleiner geworden, die Mittel sind unendlich viel größer geworden. Dennoch gelingt es nicht. Warum? Es liegt an dem Mangel an Zeit; es hängt vom Geld ab. Es liegt an den – Auftraggebern.“

Neutra hat mit Neugriechen über den Parthenon diskutiert. Er kennt sie gut: „Man sagt, die heutigen Griechen sind exzellente Kaufleute, also exzellente Rechner. Die alten Griechen waren in ihrem Charakter gar nicht viel anders als die heutigen. Jede Idee, die verwirklicht werden soll, muß, finanziert werden: Als nach langem Ringen und unter großen Opfern die ‚klassischen‘ Griechen die in ihr Land eingefallenen Perser endlich wieder hinausgeworfen hatten, da beschlossen sie, aus Dankbarkeit und zum Lobe der Göttin Athene, die ihnen Kraft für diese Siege gegeben hatte, aber auch aus Furcht vor den Göttern das ‚Jungfrauengemach‘, den Parthenon, zu bauen, so schön, wie es noch nie einen gegeben hatte. Perikles, der große Staatsmann, gab dem Künstler Phidias völlig freie Hand. Unter seiner Aufsicht bauten Iktinos und Kallikrates auf den Fundamenten eines unvollendeten einfacheren Baues, der von den Persern zerstört worden war, sechzehn Jahre lang an diesem Tempel aus pentelischem Marmor. Welche Kraft hat dieses Werk hervorgebracht? – Zustande gekommen ist die große menschliche Leistung durch Können, Geduld, Liebe und durch den Glauben an eine überirdische Kraft. Wo dies nicht alles zusammenwirkt, da können wir Menschen eine exzeptionelle Leistung, die noch in Jahrtausenden bewundert wird, nicht vollbringen.“

„Wenn es nach mir ginge“, sagt Neutra, „so müßte der Besuch der Akropolis in Athen zur Pflicht werden – wenigstens für alle UN-Delegationen, für alle Staatsmänner, Chruschtschow eingeschlossen. Warum gibt es noch nicht einen internationalen Anschauungsunterricht für Staatsmänner und solche, die es werden wollen? Man muß sehen lernen, dann denkt es sich besser!“

Professor Neutra hielt in seinem Hotelzimmer, in dem er mir gegenübersaß, einen Photoprospekt in der Hand. Es handelt sich um einen Bau, den das amerikanische State Department für die neue USA-Botschaft in Karachi errichten ließ: ein imposanter Bau, den sein Schöpfer – Neutra – selber noch nicht fertig gesehen hat. „Kein Parthenon, leider“, lächelte er, „zuwenig Zeit, zuwenig Geld, zuwenig Furcht vor den Göttern. Aber der amerikanische Staat ist als Auftraggeber nicht der schlechteste. Und es ist ein großes, ernstes Streben in Amerika. Das war es, was mich, den damals 31jährigen Wiener, schon 1923 über den Ozean lockte.“