Diktatur der Norm und persönliche Note

Selbst ein Herr alter Schule, der stolz darauf ist, daß er noch weiß, „was sich gehört“, hat es nicht gern, wenn man ihm nachsagt, er sei „konventionell“. Und würde man unter den Teenagern und Twens – falls es sie doch gibt und sie nicht nur eine fixe Idee der Werbung sind – umfragen, was sie von Konventionen halten, so käme schon diese Frage ihren Ohren fast als Zumutung vor. „Hohle Mache!“ wäre die Antwort: „Verrückter Zopf! Wir haben mit solchen Vorurteilen nichts zu schaffen!“

Obwohl auch sie – wie das kritische Auge lächelnd bemerkt – schon längst, ohne es zu wissen, ihren Stil, ihre Konventionen entwickelt haben. Schematismen des Benehmens. Redewendungen. Modische Verpflichtungen, die unter scheinbarer Individualität die Diktatur der Norm kaum verbergen können. Denn längst steht schon wieder fest, wie man sich gibt, wie man seinem Zimmer „die persönliche, moderne Note“ aufprägt, wie und wohin man reist!

Wenn sich aber sogar die Verächter der Konvention unversehens in ihrer Schlinge gefangen finden, so beweist gerade diese Paradoxie, daß Konventionen zum unentrinnbaren Fatum menschlicher Lebensart gehören. Mag die Form, mag der Stil sich wandeln. Die Konvention selbst läßt sich nicht ausrotten. Ob der seriöse Geschäftsmann seinen rassigen Sportwagen versteckt und zur Verhandlung in der soliden Limousine erscheint, um nicht des Leichtsinns verdächtigt zu werden. Ob der Beamte seine Amtsmiene überzieht, wenn er den Schalter öffnet. Ob der Pfarrer sich des obligaten Lächelns bedient, um Freundlichkeit zu bekunden. Die Konvention besteht auf ihrem Recht. Auf der Teenagerparty und beim Kaffeeklatsch. Im Parlamentsgebäude und beim Treffpunkt des Mopedklubs. Auf dem Briefbogen des Geschäftsbriefes und in der Kulisse der Gewerkschaftsversammlung. Überall gibt es das, was „man tut“, um nicht aus der Rolle zu fallen.

Ist das zum Lachen oder ist es zum Weinen? Wahrscheinlich ist es zum Lachen und zum Weinen! Und genau dazwischen liegt das ernstlich Menschliche, das die Konvention kennzeichnet. Denn wir brauchen die Konvention: die „Übereinkunft“. Wir brauchen sie, weil wir nicht aus purer Individualität, nicht aus unermüdlicher Originalität bestehen und weil wir uns deswegen nicht jedenfalls auf die treffsichere Improvisation verlassen können. Wir benötigen das Halteseil erprobter Gewohnheiten. Die Signalanlage des zwischenmenschlichen Verkehrs. Das pädagogische Gleis der kontrollierten Verhaltensweise. Denn das alles bietet die Konvention. Aber sie dient uns nicht nur als Brücke. Sie dient uns auch als Schutzzaun des Intimbereiches. Sie erlaubt Kontakt, ohne zu exponieren.

Hilfe und Versuchung

Aber da es unter uns Menschen keine Methode gibt, die einwandfreien Erfolg garantiert, ist es nicht verwunderlich, daß sich auch die Konvention als zwielichtiges Sozialgeschenk geschichtlicher Entwicklungen zeigt. Soweit sie Signal ist, kann sie zur Täuschung mißbraucht werden. Unter der Maske der Höflichkeit kann sich kalte Gemeinheit tarnen. Unter der Floskel kann sich Gedankenlosigkeit verstecken. Als Ritualismus kann die Konvention zum bequemen Alibi des Gesinnungsschwundes herhalten. Die Konvention ist ein Gehäuse, das den Tod des Menschlichen im Menschen lange verbergen kann. – So ist sie Hilfe und Versuchung. Treibhaus und Gruft. Glättendes Öl und zermürbender Sand. Umschlagstelle des Austausches und Niemandsland der Neutralität.