Nein, ich werde den Humor in der DDR nicht verspotten. War nicht der deutsche Humor schon immer ein etwas trauriges Thema? Und ist es etwa heute in der Bundesrepublik um den Humor so gut bestellt? Wir sollten schließlich von der DDR nicht zuviel verlangen, sondern eher dankbar sein, daß man sich dort mit dieser Problematik ernsthaft beschäftigt. Der Ostberliner „Sonntag“, die repräsentative „Wochenzeitung für Kulturpolitik, Kunst und Wissenschaft“, schrieb am 6. August:

„Bei uns ist der Irrtum noch weit verbreitet, daß das Lächerliche dem Komischen gleichzusetzen wäre. Weniger als um einen Irrtum, handelt es sich um Ignoranz, um die Unfähigkeit, bürgerliches Denken zu überwinden. Denn die bürgerliche Ästhetik macht zwischen Lächerlichem und Komischem keinen Unterschied Völlig ignoriert sie die soziale Bedeutung des Komischen, die sein innerstes Wesen ausmacht.“

Gut, wir lassen uns belehren, daß die bürgerlichen Wissenschaftler – genannt werden Herbert Spencer, Henri Bergson und Sigmund Freud – von diesen Dingen eben nichts verstanden haben. Worin besteht nun der Unterschied zwischen dem Lächerlichen und dem Komischen? Der „Sonntag“ erklärt es uns: „Wenn ein xbeliebiger Mensch sich eine Zigarette anzustecken versucht, aber die Streichhölzer nicht brennen, so ist das lächerlich; komisch aber ist, wenn derselbe Vorgang den Direktor einer Streichholzfabrik betrifft, dem die von ihm selbst hergestellten Hölzer den Dienst verweigern. Lächerlich, aber nicht komisch ist, wenn ein Mann seine Hosen verliert. Komisch ist, wenn, wie im ungarischen Film ‚Sein eigenes Opfer‘, einem Mann die von ihm selbst geschneiderte Hose im kritischen Augenblick, wo er das Herz einer Schönen erobern will, herunterfällt.“

Vom marxistischen Standpunkt aus ist also die Existenz der Komik im Prozeß des Herunterfallens einer Hose davon abhängig, wer diese Hose produziert hat. Völlig klar. Auch die Ostberliner Monatsschrift „Neue Deutsche Literatur“ will uns keineswegs irreführen, sondern bekennt in ihrer Septembernummer freimütig:

„Posse, Schwank, Groteske, Genres und Dichtarten, die ein übermütiges Spiel mit den Ungereimtheiten der Wirklichkeit treiben, die das Gegensätzliche und Widersprüchliche zum Unglaubwürdigen zuspitzen, um dann den geheimen Sinn des Ganzen auf ebenso verblüffende wie komische Weise zu demonstrieren, solche Genres und Dichtarten scheinen unseren Schriftstellern fremd geworden zu sein. Versuche, die hier und da unternommen wurden, können nicht darüber hinwegtäuschen, daß etwa die Groteske schlechterdings darniederliegt.“

Und die Begründung der „Neuen Deutschen Literatur“: „Sicher hat es der Schriftsteller, der eine wissenschaftliche Weltanschauung besitzt, der die Ursachen und Wirkungen der Widersprüche überschaut, sie erklären kann und muß, hier schwerer als der Schriftsteller früherer Tage, dem sich die schreienden Gegensätze als unvereinbar und sinnwidrig präsentieren.“

Mithin ist die „wissenschaftliche Weltanschauung“ der DDR-Autoren schuld daran, daß es mit der humoristischen Literatur nicht klappen will. Aber der „Sonntag“ meinte doch, schuld sei „die Unfähigkeit, bürgerliches Denken zu überwinden“. Also wie? Haben die DDR-Schriftsteller zuviel Marx in den Knochen oder zuwenig? Und jener Filmautor, dessen Helden die selbstgeschneiderte Hose im Anblick seiner Schönen herunterfällt – hat er diese ungewöhnlich komische Szene ersonnen, weil er das bürgerliche Denken und den verderblichen Einfluß von Spencer, Bergson und Freud zu überwinden vermochte? Oder weil er ein „Schriftsteller früherer Tage“ ist, der die marxistische Weltanschauung noch nicht besitzt? Gar zu gern möchten wir das wissen. Bis wir es erfahren, wollen wir uns aber an einen Satz über das Kulturleben in der DDR halten, den wir ebenfalls in dem „Sonntag“-Artikel vom 6. August gefunden haben: „Was komisch ist oder nicht, darüber wird im engen Kreis von Kommissionsmitgliedern entschieden.“ – Ist das nun komisch oder lächerlich? Oder vielleicht traurig? Marcel