Von Manfred Sack

Daß ein Mann angelt, ohne auf Beute erpicht zu sein; daß er den Fang – wenn er sich schon nicht vermeiden läßt – wohltätigen Institutionen stiftet, weil bei ihm zu Hause kein Fisch auf den Tisch kommt –, das ist eine Legende. Es gibt ihn nicht. Daß ein Mann hinwiederum nur angelt, um Topf und Pfanne billig zu füllen, ist nicht weniger unwahrscheinlich; denn er könnte seine Beutegier viel leichter und schneller mit einem Fangnetz befriedigen. Er wäre kein Angler, sondern ein Fischer. Ein rechter Fischer blickt ins Netz, in den Kochtopf, auf den Verkaufserlös; ein rechter Angler erwartet von sich und seiner Übung mehr. Er ist davon überzeugt, daß er ein Sportler ist. Da sein Partner, den er zum Wettkampf reizt, das Spiel mit dem Tode bezahlen muß, hält er auf Fairneß und das heißt: Er macht es sich ein wenig schwieriger. Er versagt es sich, lebende Würmer, Käfer, Egel, Heupferdchen, Krebse, Frösche, Schnaken oder Maden auf den Haken zu spießen, er verzichtet auf Talggrieben, Rindfleisch, Wurst, Graupen, Kartoffeln, Käse, Kirschen, Stachelbeeren – er benutzt künstliche Köder, die wiederum so täuschend „natürlich“ hergestellt werden, daß das Schwierige gottlob wieder ein wenig leichter gemacht wird.

Warum also geht man angeln? Gaumengelüste allein sind es nicht, die einen Mann Stunde um Stunde am stillen oder reißenden Gewässer zubringen läßt. Moderne Herren, die geübt sind, über die Hetze des modernen Lebens Klagelieder sicher zu intonieren, berufen sich auf ihre Ärzte: Entspannung, Abwechslung, Erholung, Ruhe, und alles für die Gesundheit. Denken sie dabei an den biederen Mann mit breitem Gesäß, der gelangweilt auf den Anbiß einer Plötze oder eines Karpfens wartet – denken sie an ihn, so mögen ihre Erwartungen bestätigt werden.

Aber es ist ein Irrtum zu glauben, die Grundangelei – nach Fischen, die ihre Nahrung gewöhnlich am Grunde suchen – sei „Angeln“, weil man ihren Anhängern oft begegnet. Das Spinnangeln mit dem „Spinnfisch“, dem „Blinker“, nach Hechten, Zandern, Huchen, oder das Angeln mit der künstlichen „Fliege“ am schnell strömenden Gebirgsgewässer nach Bachforellen kann zur körperlichen Strapaze werden; es ist aufregend, anstrengend, es verlangt wache Sinne, flinkes Reagieren, Geschicklichkeit, ausdauernde Kraft und scharfes Beobachten.

Junge Leute vom Lande, die ihre Umgebung genau kennen, brauchen solche eleganten Fertigkeiten nicht; sie machen dennoch mit Schlichen und Kniffen ihre Beute. Städter hingegen, des stetigen Umganges in und mit der Natur entwöhnt, wiegen das auf mit Verfeinerung und solidem Wissen. Es gibt eine Menge Bücher und Broschüren übers Angeln, und irgendwann wird der passionierte Sportangler beim altbewährten Standardwerk „Angelfischerei“, kurz nach den Verfassern „Borne-Fliege“ genannt, landen. Hier ist detailliert etwa die Hälfte dessen zu lernen, was ein Angler wissen muß.

Dazu gehört zuvörderst die Kenntnis der Gerätschaften: Welche Rute welcher Länge und welchen Gewichtes taugt für welche Fische in welchen Gewässern; wie schwer, wie geformt, aus welchem Material soll die Schnur sein; wie geht man mit dem Vorfach – dem starken, möglichst wenig auffallenden Verbindungsstück zwischen Schnur und Haken – um; welche Haken zu verwenden ist tunlich; welche Schnur-Rollen und welche der vielen Zusatzgeräte wie Kescher und Löseschere sind vonnöten?

Hier stehen auch die künstlichen Köder verzeichnet, bunt und verwirrend. Wer sich indes ein bißchen abenteuerlichen Geist bewahrt hat, wird die Tabellen daheim lassen und sich mit noch unzulänglichem Wissen ans Wasser begeben, um sich den Rest mit den Fischen zu erobern. Er wird erfahren, wozu „Wurftechnik“ nütze ist, wann „Über-Kopf-Wurf“ oder „Hüftwurf“ sich empfehlen. Und der Angler wird bemerken, daß er mit etwa zehn der über 30 000 künstlichen Fliegen, die der Amerikaner Salmon auf der Erde gezählt hat, auskommt.