G. Z., Frankfurt

Versuchen Sie einmal, Sicherheit zu verkaufen. Das ist genauso, als ob man am Äquator Heizöfen oder am Nordpol Bikinis anbietet“, meint Alfred Daßbach, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der Bauberufsgenossenschaften. Obwohl im vergangenen Jahr fast 10 000 Bauarbeiter verunglückten, sei die „Nachfrage nach Sicherheit“ gering.

Das hat – wie Daßbach meint – vor allem zwei Gründe: Die Zahl der tödlichen Arbeitsunfälle tritt allgemein nach außen hin kaum in Erscheinung. Sie beträgt, gemessen an der Gesamtsterblichkeitsziffer, weniger als ein Prozent. Auch umgerechnet auf die rund 1,8 Millionen Beschäftigten in den 158 000 Baubetrieben ist die Unfallziffer so gering, daß die Bauarbeiter nicht einsehen, warum sie die Sicherheitsvorschriften genau einhalten sollen. „Jeder meint, ihm kann nichts passieren“, sagt Daßbach dazu. „Deutschland hat die besten Unfallverhütungsvorschriften der Welt. Aber was nützt das alles, wenn jene, für die sie erlassen wurden, nicht den richtigen Gebrauch davon machen!“

Die technischen Aufsichtsbeamten der Bauberufsgenossenschaften versuchten es daher einmal mit neuen Methoden. Sie überlegten sich, wie es Industriebetriebe anstellen, die eine gute, aber schwer verkäufliche Ware besser an den Mann bringen wollen. Dabei entdeckten sie, daß nicht nur Bedürfnisse gedeckt, sondern auch materielle Anreize geboten werden müßten. Das sind für eine Behörde – die Berufsgenossenschaften sind Körperschaften des öffentlichen Rechts und Versicherer von Staats wegen – kühne Gedankengänge. Das Ergebnis: Bei allen sieben Bauberufsgenossenschaften in der Bundesrepublik und in Westberlin wird jetzt einmal im Monat die Glückstrommel gedreht. Das Kind hat auch einen klangvollen Namen bekommen: Aktion „Sicherheit am Bau“.

Einmal im Monat greifen jetzt die sieben Direktoren der Bauberufsgenossenschaften in die Karteikästen, in denen die Mitglieder registriert sind, und losen damit einen Betrieb aus. In die ausgewählte Baufirma eilen nun die technischen Aufsichtsbeamten und suchen sich aus der Personalliste einen Hauptgewinner und einige „Ersatzmänner“ heraus. Und jetzt kommt der Trick: Voraussetzung dafür, daß das Fernsehgerät, die Waschmaschine, der Reisegutschein oder andere Prämien vom Gewinner in Empfang genommen werden kann, ist, daß er den Glücksboten der Berufsgenossenschaft die „gelbe Karte“ präsentieren kann. Um diese „gelbe Karte“ geht es den Genossenschaften nämlich; Sie enthält „acht Punkte zur Sicherheit am Bau“, und zwar: „Vernunft auf dem Arbeitsweg, Körperschutz, Ordnung am Arbeitsplatz, gutes Werkzeug und Gerät, Schutzvorrichtungen, fachgerechtes Arbeiten, Vorgehen nach Anweisung und kollegiales Verhalten.“ Dazu der Hinweis: „Erfolg: Immer gesund nach Hause kommen!“

Wer seine „gelbe Karte“ nicht vorzeigen kann, muß zusehen, wie sein Fernsehgerät an einen Ersatzgewinner übergeben wird. „Wir haben schon zu hören bekommen, daß seien alles Mätzchen, was wir da mit der Verlosung machen“, heißt es bei den Genossenschaften. „Aber uns ist jedes Mittel recht, wenn wir alle davon überzeugen wollen, daß Sicherheit wertvoll ist; Mit den Plakaten jedenfalls, die einen Unfall zeigen und abschrecken sollen, können wir heute keinen mehr erschüttern.“

Schon nach drei Verlosungen konnten die Außenbeamten ihren Zentralen die ersten Erfolge melden: „Wenn wir heute auf die Baustellen kommen, werden wir in den meisten Fällen nicht als Kontrolleure betrachtet, sondern als Glücksbringer.“