Britische Fußballstars mit Ministergehältern

Von Alex Natan

Die italienischen Aufkäufer sind dabei, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zu sprengen. Vielleicht kann Bundestrainer Herberger seine „Männer“ noch bis zur Weltmeisterschaft in Chile im nächsten Jahr zusammenhalten. Die Absicht des Deutschen Fußballbundes, der neben den 1500 Vertragsspielern fast eine Million Amateure umfaßt, den Trend vom Sport zur Schau aufzuhalten, scheint zu scheitern. Die Kurse der deutschen Spitzenstars werden an der internationalen Fußballbörse zu Höchstwerten notiert. Die unerbittliche Gesetzmäßigkeit der Marktwirtschaft schlägt auch bei der Fußball-Unterhaltungsindustrie durch. Selbst in England, das schon seit langem den Berufsfußball eingeführt hat, gärt es.

Der Sport hat durch seine Breitenwirkung und Spitzenleistungen einen beachtenswerten Beitrag zur zeitgenössischen Zivilisation geleistete Wer das Schrifttum kennt, weiß aber auch, daß die Funktion des Sports als Kulturträger keineswegs anerkannt ist, ja daß ihm häufig sogar jeder positive Wert aberkannt wird. Das Hervordrängen des Prestigesports, des Sportes als politische Waffe, als Unterhaltungsindustrie, der die Menschen vom Sportplatz auf die Tribüne und vor den Fernsehschirm abdrängt, stehen im Mittelpunkt nachdenklicher Überlegungen sportinteressierter Soziologen vieler Länder.

Jüngste Entwicklungen in England haben ein neues Problem schärfer herausgestellt, das die Einwirkungen der nationalen Ökonomie auf den Sport unterstreicht. Nach einem Winter beträchtlichen Mißvergnügens hatten sich englische Berufsfußballer mit ihren Ligavereinen über ein neues Abkommen geeinigt, das dem Spitzenspieler eine neue, ökonomisch höchst bemerkenswerte Position zuwies. Dabei muß man wissen, daß der Berufsfußball mit allen seinen Nebenorganisationen heute an siebenter Stelle unter den führenden Industrien des Landes rangiert und seine „Angestellten“ gewerkschaftlich organisiert sind. Das hervorstechendste Merkmal des neuen Abkommens ist der Fortfall jener Klausel, die ein wöchentliches Höchsteinkommen von 235 Mark fixierte. Es wird nunmehr Vereinen und Spielern überlassen, sich individuell über die Lohnskala zu verständigen. Nach den Abschlüssen dieses Sommers darf man annehmen, daß dieser Wochenverdienst eines Oberligaspielers auf etwa 400 Mark die Woche angestiegen ist. Diese erhebliche Mehrausgabe im Spieleretat machten radikale Streichungen im Haushalt der Vereine notwendig, wobei es zweifelhaft bleiben muß, ob die Finanzen der kleineren Vereine diese neue Preisentwicklung mitmachen können, zumal zu dem Grundgehalt des Spielers noch sogenannte „differentials“ kommen, also zusätzliche Zahlungen, die von den Kasseneinnahmen abhängen.

Diese neue Ära ließ, sich durchaus vertreten, wenn der Obolus des Zuschauers diese neuen Ausgaben ermöglichen würde. Aus den letzten Jahren weiß man aber, daß die Zahl der Zuschauer immer mehr zurückgegangen ist. Soweit es sich nach den ersten Wochen der jungen Spielzeit beurteilen läßt, herrscht auch weiterhin die Tendenz vor, das traditionelle Sonnabend-Fußballspiel nicht mehr persönlich zu besuchen.

Durch den Fortfall der Verdienstbeschränkung ist aber ein neuer Gesichtspunkt im englischen Sport aufgetaucht, der zu Beanstandungen und Vergleichen auf nationaler Einkommensbasis geführt hat. Wenn ein Fußballspieler heute in neun Monaten zwischen 20 000 und 50 000 verdienen kann, so ist damit der Sport in jene Einkommenskategorie aufgestiegen, die steuermäßig in England zu den Gruppen gehört, die Spitzenverdienstmöglichkeiten bieten. Der Fußball ist damit zu einer Industrie geworden, die Spitzenlöhne zahlt. Er nennt sich auch weiterhin Sport und erinnert Vieh nur noch mit einem Achselzucken, daß es Idealisten gibt, die noch immer den Amateurstandpunkt mit der Besessenheit des Monomanen verfechten.