In Börsenkreisen hat sich ein Stimmungswandel vollzogen. Wer am Wochenbeginn die zahlreichen (sogenannten) Informationsdienste sowie die Börsenberichte der Banken für ihre Kundschaft studiert hat, dem blieb ein gewisser Optimismus nicht verborgen, der diesen Experten überkommen ist. Zwar war man bereits in den letzten Wochen ziemlich übereinstimmend zu der Auffassung gelangt, daß sich der kräftige Rückschlag der deutschen Aktienkurse vom wirtschaftlichen Standpunkt schwerlich rechtfertigen läßt. Abweichende Ansichten bestanden aber über den Zeitpunkt der Kurserholung und darüber, ob die politischen Ereignisse noch einmal einen neuen Tiefstand bringen würden. Natürlich wagt auch heute niemand, einen weiteren politischen Tiefschlag auszuschließen, doch setzt sich immer mehr die Meinung durch, daß die Weichen für eine Ost-West-Verständigung über Berlin bereits gestellt sind. Die Spekulation auf Frieden gewinnt Anhänger!

Noch ist der Wandel im Börsenklima am Kursbild kaum abzulesen. Vermerkt werden kam jedoch, daß die Abgabeneigung der Kundschaft auf ein Minimum geschrumpft ist. Ein Verkaufsdruck besteht nicht mehr, auch von Seiten ausländischer Gruppen nicht. Internationale Kreise haben begonnen, behutsam deutsche Aktien zu kaufen. Es handelt sich dabei um versierte Leute, die Kurssteigerungen zu vermeiden wissen. Von einer allgemeinen Rückkehr des Auslandes in die deutschen Werte kann selbstverständlich nicht die Rede sein. Die institutionellen Anleger des Auslandes, also auch die ausländischen Investment-Fonds, müssen im Interesse ihrer Kunden die weitere politische Entwicklung abwarten. Sie sagen ganz klar: ‚Eine Bundesrepublik Deutschland, die nicht mehr die NATO-Garantien hinter sich hätte, ist kein sicherer Platz für eine solide Kapitalanlage." Von Neutralitätsromantik will man – also nichts wissen.

Die innenpolitischen Besorgnisse sind in den letzten Tagen wieder in den Hintergrund getreten. Eine bürgerliche Koalition gilt als sicher. Das hat den Montanaktien allerdings keine Erholung eingetragen. Ihre Kurse werden inzwischen durch die Nachrichten über Produktionseinschränkungen und Abbau der Auftragsbestände immer mehr in Mitleidenschaft gezogen. Überdies leiden die Kurse der schwerindustriellen Papiere unter gewissen Tauschoperationen, die wieder einmal zugunsten der IG-Farben-Nachfolger, AEG und Siemens vorgenommen werden. Bei diesen Werten ist nämlich – so hört man bei vielen Banken – am ehesten mit einer Erholung zu rechnen. Man geht davon aus, daß eine durchgreifende Tendenzänderung nur durch Käufe des Auslandes eintreten kann. Aus eigener Kraft ist eine nachhaltige Aufwärtsbewegung nicht möglich. Die Ausländer dürften sich, falls sie zurückkehren, wieder auf ihre "alten Pferde" setzen, die bestenfalls um die VW-Aktien vermehrt worden sind. Alle anderen Papiere, so spekuliert man, folgen erst in zweiter und dritter Welle. Und zwar dann, wenn der deutsche Berufshandel Gewinne bei den "internationalen" Werten sicherstellt und sich der "zurückgebliebenen" Papiere erinnert. Jeder Kaufempfehlung, die man heute der Kundschaft gibt, wird in der Regel eine Warnung beigefügt: "Erwarten Sie keine schnellen Kursgewinne! Seien Sie nicht enttäuscht, wenn Sie feststellen, daß Sie hätten noch billiger kaufen können, wenn Sie erst später eingestiegen wären!" Zur Zeit wird an die Mutigen appelliert...

Die aufgelockerte Börsenstimmung wird teilweise dazu benutzt, alte Mehrheitsträume zu verwirklichen. Die Aufkäufer rechnen damit, daß viele Aktionäre heute bereit sein werden, einem "anständigen" Angebot zu folgen. Wer deshalb aufmerksam den Kurszettel verfolgt, wird feststellen können, daß hier und dort Abrundungsbestrebungen sichtbar werden. Bei den Guano-Werken (Großaktionär: Wasag-Chemie) scheinen sie jetzt in die Endrunde zu gehen. Man unterstellt, daß der Großaktionär hier seinen bislang bei rund 60 vH liegenden Anteil auf über 75 vH zu bringen versucht, um in den Genuß umsatzsteuerlicher Vorteile zu gelangen. Seit langem war er bemüht, flottantes Material in sein Portefeuille zu bringen.

Mit Spannung wartet die Börse auf die Wirkung des Thyssen-Angebots, Aktien der Handelsunion gegen Thyssen-Aktien (im Verhältnis 1:2,2) zu tauschen. Kein Außenstehender wird ermessen können, ob diese Offerte "angemessen" ist. Der Hinweis, daß hier auf Bewertungsgutachten zurückgegriffen wurde, machte kaum Eindruck. Nach den schlechten Erfahrungen der Vergangenheit, die mit Gutachten gemacht worden sind, auch kein Wunder. Jedenfalls gibt es Leute, die nach einem alten Börsengrundsatz handeln wollen, der besagt: "Dem ersten Angebot soll man nicht folgen!" Ob das auch hier richtig ist, wird sich erst später zeigen. Kurt Wendt