Der britische Beschluß, mit der EWG Verhandlungen über einen Beitritt anzuknüpfen (siehe den nebenstehenden Kommentar), hat der ohnehin von Anfang an kränklichen EFTA den Todesstoß versetzt. Aber begraben wollen die acht Mitgliedsländer sie noch nicht. Die drei Neutralen, Schweden, Österreich und die Schweiz, haben in Wien darüber beraten, was zu tun sei. Sie haben beschlossen, sich etwa am 10. Oktober (Beginn der Verhandlungen der EWG mit England) in Genf zu einem weiteren Gespräch zu treffen und hernach, wenn notwendig, noch eine Tagung ihrer Minister, zu veranstalten. Aber mit all dem kann der EFTA kein neues Leben eingehaucht werden; nur ihr offizielles Ableben wird herausgezögert, in Wirklichkeit ist sie bereits tot.

Bei den Wiener, Beratungen hat sich, erneut gezeigt, daß eine „Kern“-EFTA der drei Neutralen – vielleicht unter Hinzuziehung Finnlands – ein handelspolitischer Homunculus wäre, in der Retorte entstanden und nicht zum kampfreichen Leben berufen. Was aber nicht besagt, daß die drei Neutralen und auch die anderen vier EFTA-Länder nicht versuchen werden,Finnland den Weg zu einer vertraglichen Verständigung mit der EWG zu ebnen. An einen Beitritt denkt ohnehin niemand, ist doch die politische Lage Finnlands womöglich noch komplizierter als diejenige von Schweden und von Österreich.

Im übrigen mußten sich die hohen Beamten und Fachleute der drei Neutralen in Wien darauf beschränken, die Punkte aufzuzählen, bei denen sie der EWG gegenüber keine Nachgiebigkeit zeigen können. Dabei zeigten sich einige Meinungsverschiedenheiten, die aber von Kennern der Entwicklung als „nicht wesentlich“ bezeichnet werden. Dennoch spricht man nicht von einer „Einheitsfront“ und auch nicht von der Bildung einer Staatengruppe, die ebenso kollektiv auftreten würde wie die sechs Länder der EWG. Dazu wären nämlich die festgestellten „Abweichungen“ wieder zu groß. Überdies weiß man, daß die Europäische Kommission in Brüssel individuelle Kontakte empfiehlt, und wenn auch die Regierungen der sechs EWG-Länder nicht gebunden sind, dürften sie in technischen Fragen die Ratschläge der Exekutive der EWG beachten.

Man weiß also in den Ländern, die sich noch als EFTA-Mitglieder bezeichnen, daß man den Gang zur EWG einzeln wird antreten müssen und ist darauf gefaßt, daß der Empfang kühl sein wird. Dennoch glaubt man nicht, daß Frankreich, in dem man in „EFTA-Kreisen“ den Drahtzieher der EWG erblickt, sich den Neutralen gegenüber so streng zeigen wird, wie es bei den Verhandlungen mit England der Fall werden dürfte. Am Quai d’Orsay galt seit den ersten Versuchen einer europäischen Zusammenarbeit Whitehall als politischer Störenfried und Eigenbrötler. Und de Gaulle ist ein verläßlicher Hasser.

Gegenüber den Neutralen besteht in Paris für Ressentiments kein Grund. Vor allem zeigen sich führende Persönlichkeiten Österreichs zuversichtlich, da ja die sechs EWG-Staaten kein Interesse daran haben können, Österreich in einen außenpolitischen Engpaß zu treiben oder seine Wirtschaftslage von der handelspolitischen Seite her zu untergraben.

F. J. K., Zürich