Die Allgemeine Nahrungs- und Genußmittel-Ausstellung (ANUGA) war ein friedliches Treffen in einer unruhigen Welt. In Köln sah es so aus, als ob Essen nicht nur Leib und Seele, sondern auch die Völker zusammenhält. Die Länder des Ostblocks bemühten sich ebenso um die Gunst des deutschen Verbrauchers wie das "kapitalistische Lager". Israel war neben derVereinigten Arabischen Republik zu sehen, und nichts trennte weiß von farbig.

Die wirtschaftliche Bedeutung der ANUGA wird deutlich, wenn man bedenkt, daß 45 vH des Einkommens üblicherweise für Lebensmittel verwendet werden. Das bedeutete allein für die Ernährungsindustrie 1960 einen Umsatz von 30 072 Millionen DM. In den steigenden Umsatzzahlen dieses Wirtschaftszweigs (1950: 11 752 Mill. DM) kommt jedoch nicht nur die Mengenkonjunktur, sondern zu einem großen Teil die Nachfrage nach besseren Qualitäten zum Ausdruck. Es zeigt sich aber auch, daß immer mehr hausfrauliche Tätigkeiten abgebaut und in den industriellen Produktionsprozeß übergeführt werden. Tischfertige Hauptgerichte – sei es in Dosen oder tiefgefroren – erwiesen sich als ausgesprochene Schlager und bescherten der Nahrungsmittelindustrie dicke Orderbücher.

Trotzdem vermeinen die Hersteller, erst am Anfang einer steil nach oben führenden Entwicklung zu stehen. Während nämlich in der Bundesrepublik noch 58 vH der Ausgaben für Lebensmittel der Landwirtschaft direkt zufließen, beträgt dieser Anteil in den USA nur noch 38 vH. Daraus läßt sich ablesen, daß in Amerika wesentlich mehr andwirtschaftliche Produkte als Konserven oder fabrikmäßig vorgepackt bzw. küchenmäßig zugerichtet auf den Markt kommen. Kein Wunder, daß auf der ANUGA die Meinung zu hören war: "Die Hausfrau von gestern litt unter Geldmangel, die Hausfrau von heute und morgen leidet vor allem unter Zeitmangel."

Die Gretchenfrage nach der kommenden Preisentwicklung beantworteten die Geschäftsführer der in Frage kommenden Industrie- und Handelsverbände, Dr. Heinicke und Dr. Moje: Die Preissituation bei den Nahrungs- und Genußmitteln ebenso wie bei den Erzeugnissen der Ladenbau- und Verpackungsindustrie bleibt auf jeden Fall bis Ende des Frühjahrs stabil. Soweit ihm die Landwirtschaft keinen Strich durch die Rechnung macht, braucht der Verbraucher vorerst mit keiner allgemeinen Teuerung bei Lebensmitteln zu rechnen.

Wo sich Vertreter der Nahrungs- und Genußmittelbranche trafen, kam auch schnell ein Gespräch über die Preisbindung in Gang. "Offiziell" steht man zur Preisbindung, obwohl die Umsätze auf dem "Grauen Markt" in Höhe von 12 bis 14 Mrd. DM zum großen Teil auf ihr Konto kommen.

Eine interessante Illustration dieses Themas lieferte die Chocolat Tobler GmbH. Von 17 Einzelhandelsverbänden konnte sie Bescheinigungen für die Lückenlosigkeit ihres Preisbindungssystems vorlegen, so daß sich das Bundeskartellamt gezwungen sah (man fragt sich, wie ein so schneller Meinungsumschwung möglich ist), die am 25. September erlassene Einstweilige Verfügung gegen die Preisbindung von Chocolat-Tobler-Importerzeugnissen nach fünf Tagen wieder aufzuheben. Der Geschäftsführer der Chocolat Tobler GmbH sagte allerdings, man fühle sich nicht als Vorkämpfer der Preisbindung, sondern passe sich nur den deutschen Verhältnissen an. Im Ausland gäbe es nur noch in der Schweiz gebundene Preise für Tobler-Schokolade. In der Bundesrepublik habe man im letzten Jahr etwa 70 bis 80 Firmen wegen Preisunterbietungen sperren und nahezu 200 Einstweilige Verfügungen beantragen müssen. Derartige Aktionen machten keine Freude.

Während die Preisbindung und die damit verbundene Spannengarantie von den kleineren Einzelhandelsfirmen nach wie vor begrüßt wird und die Konzerne Gewehr bei Fuß stehen, lehnen die Einkaufszusammenschlüsse und freiwilligen Ketten die gebundenen Preise immer schärfer ab. Der Vorsitzende der Fachring-Kette, Werner Dabringhaus, vertrat auf der ANUGA sogar den Standpunkt, daß einzelne Firmen möglicherweise nur deswegen an einem hohen gebundenen Preis festhalten, um Abnehmern auf dem Grauen Markt die Werbemöglichkeit des Unterpreisverkaufs zu verschaffen. Die Antwort des Fachrings und auch anderer Ketten sei, daß man sich ein eigenes Handelsmarkensortiment schaffe.