Ein gesundheitspolitisches Experiment hat begonnen – Mitsprache des Arztes bei der Berufswahl

Von Hans Meenzen

Nach dem 1. Oktober darf kein Arbeitgeber mehr einen Jugendlichen einstellen, der sich nicht vorher einer ärztlichen Untersuchung unterzogen hat. Mit dem Inkrafttreten dieser neuen Bestimmung des Jugendarbeitsschutzgesetzes nimmt somit jenes lang umstrittene gesundheitspolitische Experiment seinen Anfang, das den Ärzten die schwere Verantwortung auferlegt, über die Berufswünsche der Schulentlassenen mit zu entscheiden. Kommt ein Arzt zu der Überzeugung, daß gewisse Tätigkeiten und Arbeiten der Gesundheit eines Jugendlichen abträglich sind, so ist es künftig dem Arbeitgeber verboten, ihn mit diesen Arbeiten zu beschäftigen.

Der einzelne und der Staat

Wieder einmal ist es nicht so sehr der einzelne, um den sich der Staat besorgt zeigt, sondern er selbst möchte sich vor Schäden bewahren, „die durch vorzeitige Zerstörung oder Minderung der Erwerbsfähigkeit der Bürger und damit auch durch Belastung der Sozialversicherung, der sonstigen öffentlichen Einrichtungen und der öffentlichen Finanzen eintreten“. Wer fühlte sich bei diesen Worten nicht an den Ursprung der deutschen Arbeitsschutzgesetzgebung erinnert, an jenen Landwehr-Geschäftsbericht, den der damalige Generalleutnant von Horn im Jahre 1828 dem preußischen König mit dem Hinweis vorlegte, daß wegen der Beschäftigung von Kindern in Fabriken die körperliche Verfassung der Jugendlichen bedenklich schlecht sei und bei Anhalten dieses Zustandes nicht damit gerechnet werden könne, aus der jungen Generation die für die Armee des Königs notwendige Anzahl von Rekruten mustern zu können ...

Ist es also nicht der Geist der Humanitas, der uns dieses Stück Gesundheitspolitik beschert hat, so ist die menschenökonomische Betrachtungsweise nichtsdestoweniger zeitgemäß und naheliegend. Je mehr der Staat an Schutz und Hilfen zu gewähren verpflichtet wird desto mehr muß er darum bemüht sein, die Ursachen solcher Inanspruchnahmen zu kontrollieren und nach Möglichkeit auszuschalten. Die Kehrseite des Wohlfahrtsstaates ist nun einmal die sukzessive Preisgabe der persönlichen Freiheit. Das beginnt mit der Einschränkung der Verfügungsmacht über Einkommensbestandteile und logisch zu Ende gedacht beinhaltet die staatliche Gesundheitsüberwachung die Pflicht zum gesunden Leben.

Im Jugendarbeitsschutzgesetz spricht man jedoch abweichend von dem Entwurf, der dem Parlament zunächst vorlag, nicht mehr von Gesundheits Überwachung, sondern von Gesundheitsbetreuung. Die mit einjähriger Verzögerung am 1. Oktober 1961 in Kraft tretenden §§ 45 bis 53 dieses Gesetzes besagen, daß mit der Beschäftigung eines Jugendlichen nur begonnen werden darf, wenn