Von Johannes Jacobi

Wozu sich die Berliner Festwochen im Laufe eines Jahrzehnts herausgebildet haben, das kommt in diesem Herbst deutlicher als früher zum Bewußtsein. Vor dem 13. August 1961 gab es trotz der politischen Zweiteilung der Stadt eine Kommunikation ihrer Bühnen. Vom Westen blickte man interessiert auf die künstlerische Arbeit Walter Felsensteins in der Komischen Oper und auf das Berliner Ensemble als das stilistisch orthodoxe Brecht-Theater. Die Staatsoper Unter den Linden fungierte weiter als ein Berliner Traditionsinstitut. In dem wiederhergestellten Knobelsdorff-Gebäude, der Königlichen Oper Friedrichs des Großen, spielte ja noch die (zuletzt preußische) Staatskapelle, bis vor kurzem eins der besten deutschen Opernorchester.

Erst jetzt läßt sich ermessen, wie zahlreich Besucher aus Ostberlin auch am Westberliner Kunstleben teilnahmen. Von organisatorisch verantwortlichen Stellen hört man Schätzungen, die zwischen 40 und 50 vH schwanken. Dadurch hatten auch die Berliner Festwochen, die alljährliche Gipfelveranstaltung Westberlins, eine Bedeutung gewonnen, die nicht mit der Elle anderer Festspiele gemessen werden durfte. Durch das ausstellungsartige Zusammentreffen westdeutscher, westeuropäischer und amerikanischer Ensembles manifestierte sich in den Berliner Festwochen die künstlerische Kultur der freien Welt. Ihre Anziehungskraft, ihr Infoimations- und Lebenswert für die Deutschen hinter dem Eisernen Vorhang wurde von den Machthabem in Pankow so hoch eingeschätzt, daß man alsbald Ostberliner „Festtage“ danebenstellte. Es ist ein schwacher Trost, daß durch die Berliner Mauer diese östliche Konkurrenz der Festwochen zunächst am empfindlichsten getroffen wird.

Westberlins künstlerische Darbietungen entfalten sich indessen ohne Absage und Einbuße an Qualität mit festspielhafter Üppigkeit. Die Römische Staatsoper und die junge Santa Fé Opera aus New Mexico (USA), Schauspieltruppen aus England, Frankreich, Finnland und Westdeutschland, Orchester und Chöre aus Rom und Wien – in solchem Rahmen wirkte der 79jährige Igor Strawinskij, der eine eigene, in Deutschland szenisch kaum bekannte Ballettschöpfung („Persephone“) im „Theater des Westens“ dirigierte und das Santa Fe-Ensemble zu einer unvermuteten Leistung hochriß, wie der ungekrönte Fürst der Musik unseres Jahrhunderts. Das Publikum erhob sich zu seinen Ehren, als er den Orchesterraum betrat. An diesem denkwürdigen Abend nahm Strawinskij die Ehrenmitgliedschaft der „Deutschen Oper Berlin“ an.

Freilich, es wäre Vogel-Strauß-Politik, wollte man – bedrängt und zuweilen beglückt von der weltumspannenden Fülle seltener Eindrücke – verkennen, daß die Berliner Festwochen durch den erzwungenen Ausfall von Ostberliner und mitteldeutschen Besuchern eine Funktionsänderung erfahren haben. Vor allem das Theaterleben wird infolge der politischen Ereignisse mehr als bisher von insularem Klima bestimmt.

Zwei Äußerlichkeiten mögen als Beispiele dienen. 1960 wurde als Festwochenpremiere im Schillertheater eine effektvolle Reportage gegeben, die – als westliche Selbstkritik gemeint – Machenschaften um eine amerikanische Präsidentenwahl theatralisch ausspielte („Der beste Mann“). Als in der ZEIT damals gegen den Griff nach einem solchen Stück, zumal es kein Kunstwerk war, Bedenken geäußert wurden, entgegnete Intendant Boleslaw Barlog: „Ich habe den ‚Besten Mann‘ vorher der Crème der Berliner Politiker zu lesen gegeben – man war dafür.“

1961 verzichtete dasselbe Schillertheater auf seine lange schon vorbereitete Eröffnungspremiere der Festwochen, obwohl dieses Stück als Kunstwerk gelten durfte: Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“. Das Theater befürchtete „Mißverständnisse und Ausschreitungen“.