Nach Reich-Ranickis Besprechung eines Buches von J. B. Priestleyin der ZEIT Nr. 31

Klage des Autors

Ich habe es mir zur Regel gemacht, auf Rezensionen meiner Bücher nicht zu antworten, und wenn sie noch so viele falsche Angaben enthalten mögen, und wenn ich sie noch so töricht finde. Wenn ich jetzt scheinbar gegen meine eigene Regel verstoße, dann deswegen, weil Marcel Reich-Ranickis Artikel in der ZEIT nicht als echte Rezension angesehen werden kann – als Versuch also, ernsthaft über ein ernsthaftes Buch zu reden –, sondern offenbar Sensations-Journalismus ist. Über die Gesamtanlage des Buches wird gar nichts gesagt. Den Lesern wird nicht verraten, was ich mit dem Buch beabsichtigte. Nirgendwo wird zu erkennen gegeben, daß es sich dabei um mehr handelt als um eine willkürliche Sammlung schnellfertiger Urteile. Diese Art von „Rezension“ könnte man auch schreiben, nachdem man sich zehn Minuten mit dem Inhaltsverzeichnis beschäftigt hat. (Und falls Herr Reich-Ranicki dazu noch ein paar Minuten auf das Studium von ein oder zwei Nachschlagewerken verwandt hätte, hätte er sich viele Fehler sparen können.) Mein Hauptgrund dafür, daß ich eine Art von Antwort geben möchte, ist jedoch dieser: Titel und Tenor des Artikels von Herrn Reich-Ranicki könnten den Leser zu der Annahme verführen, daß ich dieses große und schwierige Buch nur geschrieben hätte, um die deutsche Literatur schlecht zu machen. Das ist absurd. Natürlich werden viele Leser mit meinen Urteilen über diesen oder jenen Autor nicht einverstanden sein; Rezensenten in England und anderswo haben, in enthusiastischen Besprechungen meines Buches, darauf hingewiesen, wo sie mit meinen Urteilen nicht übereinstimmen. Ja, ich habe zu meiner Freude gehört, daß in mehreren Ländern meine Meinungen Leser dazu gebracht haben, die Werke der Autoren, die sie gegen mich verteidigen wollten, zu kaufen und wieder zu lesen. Meine Kritik ist zugestandenermaßen subjektiv und erhebt nicht den Anspruch auf objektive Gelehrsamkeit, wie ich in meiner Einleitung ausdrücklich betont habe. Aber ich verwahre mich dagegen, ja, ich fühle mich didurch beleidigt, daß behauptet wird, daß ich von irgendeinem Vorurteil gegen irgendeine Nationalliteratur ausgegangen sei. Wir alle haben unser Recht auf unsere Ansichten über Literatur: Herrn Reich-Ranicki gefällt mein Buch nicht; mir gefällt seine Besprechung nicht. Aber die Literaturkritik sollte frei bleiben von nationalen Vorurteilen. Wir Schriftsteller sollten diese Vorurteile – und die gefährlichen Leidenschaften, die sie nach sich ziehen – den Politikern und ihren Bewunderern überlassen.

J. B. Priestley

Antwort der Redaktion

Zeitungen müssen es sich – in England wie in Deutschland – in der Regel versagen, Erwiderungen auf Rezensionen abzudrucken. Das würde gar zu bald ins Uferlose führen.

Die ZEIT erlaubt sich gerne den Luxus, von dieser Regel Ausnahmen zuzulassen, wo irgend es möglich ist. Bei Mr. Priestley machen wir mit Vergnügen eine Ausnahme. Er ist ein so netter Mann; er ist gewissermaßen Gast auf dem deutschen Buchmarkt; er hat so lustige Romane geschrieben, und seine Dramen verraten so viel Anständigkeit und so viel guten Willen.