Warum Michel Ayih aus Togo die Lomonossow-Universität verlassen mußte (Schluß)

Zwei Jahre, von 1958 bis 1960, war der junge Togolese Michel Ayih einer der 40 000 Studenten an der Lomonossow-Universität in Moskau. 1957, bei den Moskauer Weltjugendfestspielen, hatte er die Sowjetunion kennengelernt. Damals war er so begeistert, daß er den Entschluß faßte, sich dort auf den diplomatischen Dienst vorzubereiten. Aber Ayih wurde enttäuscht. Er war kein Anhänger des Kommunismus. Doch er glaubte dessen Versprechungen. Warum er eines Tages seine Koffer packen und Moskau verlassen mußte, schildert er in seinem Erlebnisbericht „Ein Afrikaner in Moskau“, der demnächst im Kölner Verlag Wissenschaft und Politik erscheinen wird. Aus diesem Buch veröffentlichten wir in der vorangegangenen Ausgabe auszugsweise jene Kapitel, in denen er seine Zusammenstöße mit sowjetischen Kulturfunktionären und Studenten beschreibt. Hier folgen abschließend die letzten beiden Kapitel aus diesem Buch.

Im November 1959 befand sich der afrikanische Kontinent in beträchtlicher Erregung wegen der bevorstehenden französischen Atomversuche in der Sahara. Auch wir Afrikaner in Moskau waren über das Vorgehen der Franzosen empört und hatten die Absicht, unserer Verbitterung irgendwie Ausdruck zu verleihen. Nach einigen Überlegungen hatten wir uns entschlossen: Wir wollten gegen die Atombomben-Experimente demonstrieren und protestieren.

Seltsam war nur, daß die Sowjets, die sonst immer bereit waren, das afrikanische Feuer zu schüren, sich bei dieser Gelegenheit als sehr laue Freunde des Antikolonialismus erwiesen. „Der Geist von Camp David“ schwebte über Moskau; denn gerade erst war Chruschtschow von seinem Besuch bei Eisenhower zurückgekehrt. Es hieß, er werde im Frühjahr auch Frankreich besuchen. Offensichtlich wollten die Sowjets der empfindlichen Natur General de Gaulles gerecht werden, denn alle aggressiven Beiwörter, die man so oft in der „Prawda“ im Zusammenhang mit Frankreich gelesen hatte, waren plötzlich vergessen. Über Algerien und die Leiden des algerischen Volkes wurde fast gar nicht mehr geschrieben.

Am 13. Februar 1960 explodierte die französische Atombombe in der Sahara. Die Wogen der Empörung bei den Afrikanern schlugen recht hoch. In Prag demonstrierten die afrikanischen Studenten drei Tage lang vor der französischen Botschaft. Auch wir in Moskau wollten handeln.

Hinter verschlossenen Türen

Zwei Tage später versammelten sich im Hörsaal I der Moskauer Universität fast alle afrikanischen und asiatischen Studenten. Besonders stark waren die Iraker vertreten, aber auch die Studenten anderer Länder waren zahlreich erschienen. Einer nach dem anderen stiegen die dunkelhäutigen und braunen Sprecher aufs Podium, verurteilten die französische Aktion und forderten eine „friedliche Demonstration vor der Botschaft Frankreichs“. Auch eine sowjetische Studentin ergriff als Sprecherin der russischen Kommilitonen das Wort und erklärte, sie alle stimmten mit uns überein. Im Saal bemerkten wir einige sowjetische Journalisten, Vertreter der Universität und des Komsomol. Alles schien diesmal in größter Eintracht zu verlaufen. Unsere Resolution wurde einstimmig angenommen. Wir waren uns einig, sofort aufzubrechen und vor die französische Botschaft zu ziehen.